Elfte Stunde
Einleitung – zum Hinweggang Miss Maryons
Meine lieben Freunde! Sie sind heute erschüttert worden durch die Nachricht vom Hinweggehen Miss Maryons vom physischen Plane nach einem mehr als ein Jahr dauernden, schweren Leiden. Auch die hat eine ihr treu ergebene Schülerin verloren; sie war unter denen, die mit innigem Fleiss an dem hingen, was diese Klasse gegeben hat, und hat die Übungen in ausserordentlich inniger Weise auf sich wirken lassen. Sie kam schon als Esoterikerin zu uns und vollzog rasch die vollständige Umwandlung ins Anthroposophische. Sie ist von dem physischen Plan, aber gewiss nicht von der Anthroposophie weggegangen.
Erste Klasse
Die esoterische Schule, die Rudolf Steiner ab Februar 1924 am Goetheanum eröffnete — als erste von drei geplanten Klassen, von denen nur diese zustande kam.mehr
Die Stunden bestanden aus gesprochenem Vortrag mit eingebetteten Mantren. Was Steiner an die Tafel schrieb, war für die Schüler verbindlich; das Gesprochene war Erläuterung. Steiner nennt die Schule ‹die wirkliche Michael-Schule›. GA 270b: ‹diese esoterische Schule ist die wirkliche Michael-Schule, ist die Institution derjenigen geistigen Wesenheiten, die unmittelbar die Inspiration des kosmischen Willens Michaels haben.›Erneuerung der Mysterien
Innerhalb des esoterischen Strebens muss der Mensch wenigstens anschauen, was, indem es auf ihn wirkt, ihn die Wege geleitet, auf denen wirkliche Erkenntnis zustande kommt. Wie weit der eine oder andere kommt, hängt vom ab und von der Leiblichkeit und Weltensituation, die er schicksalsgemäss vorfindet. Niemals sollen wir verzagen oder die Geduld verlieren; jedem Menschen ist sein Lebensweg für gewisse Linien vorgezeichnet, und er vollendet seine Weltenaufgabe, wenn er den guten Willen dazu hat.
Karma
Schicksalszusammenhang zwischen den Inkarnationen. Steiner sprach es nach der Stenogramm-Notiz stets als ‹Kärma›.mehr
Im zweiten Stadium nach dem Tod (Mantram ‹Was wird aus des Feuers Reinigung …›) erlebt der Mensch rückwärts, was andere durch ihn erlitten haben — ‹in seiner gerechten Sühne›. Im dritten Stadium arbeiten Archai, Kyriotetes und Seraphine an der Karma-Ausarbeitung. GA 270b, Vierzehnte Stunde. Hier in dieser Hochschule soll alles wieder aufleben, was in den Mysterien in ihrer Blütezeit gelebt hat – in der rechten Form unserer und der künftigen Zeit. Dem Goetheanum oblag es, die Mysterien zu erneuern; nur wenn wir uns mit dem Willen durchdringen, diese Schule als Erneuerung der Mysterien aufzufassen, stehen wir richtig in ihr drinnen.
Der dreigliedrige Mensch – Haupt als Götterwohnung
Die letzte Meditation hat bereits den Übergang gemacht, den Menschen in der Meditation von den engen Grenzen seiner Persönlichkeit loszulösen. Dazu müssen die auf den Menschen anwendbaren Wahrheiten gegenständlich werden. Wir kennen die dreigliedrige Menschennatur: den Nerven-Sinnes-Menschen (das Haupt), den rhythmischen Menschen (die Brust mit Atmung und Zirkulation) und die Gliedmaßen-Stoffwechsel-Organisation. In jedem dieser Glieder stellt sich der Mensch anders in den Kosmos hinein; das muss er sich intim bewusst werden.
Das Haupt ist eine Nachbildung des ganzen Kosmos. Die Glanzesstrahlen der Sterne kommen uns entgegen, wir nehmen sie auf und verschliessen sie im Haupte – wie der ganze Sternenhimmel im zusammengerollten Zustande in uns. Und die Sterne sind die Wohnung der Götter. Spricht der Mensch sein ‹Ich› durch die Kraft des Hauptes in diesen zusammengerollten Weltenraum hinein, so sprechen in ihm die Götter des Weltenraumes selber; darüber belehrt ihn der Engel (Angelos), die dritte Hierarchie.
Erstes Zwiegespräch – Haupt / dritte Hierarchie
So vollenden wir die erste Strophe als Zwiegespräch mit dem Kosmos und der dritten Hierarchie: Wir hören es wie einen die Welt umspannenden Posaunenklang von allen Seiten hereintönen (‹Welten-Sternen-Stätten, Götter-Heimat-Orte!›); wir antworten still betend aus dem Intimsten der Seele (‹Spricht in Haupteshöhe … das ›); der Engel antwortet lehrend (‹So lebet Ihr im Erdenleibe als Menschen-Wesenheit›). Jeder Spruch ist dreigliedrig: objektives Erklingen, eigene intime Aussage wie ein Echo, Sprache des Engels.
Ich bin
‹Ich bin, der ich bin› — der Gottesname aus 2. Mose 3,14, den Steiner als ‹uralt heiliges Wort› nimmt.mehr
Im Erdenbereich, sagt Steiner, ist das ‹Ich bin› nur Illusion, ein Abglanz. Wahr klingt es erst im Reich der Seraphine, Cherubine, Throne. Das dreifache ‹Es ist Ich› am Schluß des Mantrams der Sechzehnten Stunde ist das Echo dieses Wortes im Menschenherzen. GA 270b, Sechzehnte Stunde: ‹das uralt heilige ‹ejeh asher ejeh› – ‹Ich bin Ich›, ‹Ich bin› – ein heiliges Wort, das aus jener jenseitigen Wirklichkeit herübertönt.›Erste Strophe – ‹Welten-Sternen-Stätten› (Haupt / Ich bin)
Welten-Sternen-Stätten,
Götter-Heimat-Orte!
Spricht in Haupteshöhe
Menschen-Geistes-Strahlung
Das ‹Ich bin›:
So lebet Ihr im Erdenleibe
Als Menschen-Wesenheit.
Zweites Zwiegespräch – Brust / Wandelsterne
Die zweite Strophe gilt der rhythmischen Organisation – Lunge und Herz, dem Pulsieren und Atmen, einem Abbild der Bewegung der Wandelsterne, repräsentiert durch die Sonne. Nicht majestätischer Posaunenklang von aussen, sondern beglückend das Innere durchziehendes melodisches Erklingen: ‹Welten-Sonnen-Kreise, Geister-Wirkens-Wege!› Wir antworten intim ‹Tönt in Herzensmitte … das Ich lebe›; der Engel: ‹So schreitet Ihr im Erdenwandel als Menschen-Schöpferkraft.› Beachte die Steigerung: ‹spricht›/‹tönt›, ‹Haupteshöhe›/‹Herzensmitte›, ‹Ich bin›/‹Ich lebe›.
Zweite Strophe – ‹Welten-Sonnen-Kreise› (Herz / Ich lebe)
Welten-Sonnen-Kreise,
Geister-Wirkens-Wege!
Tönt in Herzensmitte
Menschen-Seelen-Weben
Das ‹Ich lebe›:
So schreitet Ihr im Erdenwandel
Als Menschen-Schöpferkraft.
Drittes Zwiegespräch – Glieder / Weltengrund
Beim dritten Gliede – Arme, Beine, Stoffwechsel – hören wir nicht den Posaunenklang und nicht das Melos der Wandelsterne, sondern das dumpfe Rollen des Weltengrundes selbst aus den Erdentiefen: ‹Welten-Grundes- , Schöpfer-Liebes-Glänzen!› Es ist ein Glänzen nicht von Licht, sondern von Liebe – dort, wo sich das Umfängliche im Mittelpunkte sammelt, liegen die Ursprünge der Liebesmächte. Daher antworten wir nicht mit ‹spricht› oder ‹tönt›, sondern mit der Tat aus dem Willen: ‹Schafft in Leibesgliedern … das Ich will›; der Engel: ‹So strebet Ihr im Erdenwerke als Menschen-Sinnes-Taten.› Die Reihen: ‹Spricht›/‹Tönt›/‹Schafft›, ‹Erdenleibe›/‹Erdenwandel›/‹Erdenwerke›, ‹Wesenheit›/‹Schöpferkraft›/‹Sinnestaten›.
Mächte
‹Mächte› — mittlere Stufe der zweiten Hierarchie. Sprechen an das Fühlen.mehr
‹Erfühle Geistes-Welten-Leben im Menschen-Körper-Leben.›Dritte Strophe – ‹Welten-Grundes-Mächte› (Glieder / Ich will)
Welten-Grundes-Mächte,
Schöpfer-Liebes-Glänzen!
Schafft in Leibesgliedern
Menschen-Wirkens-Strömung
Das ‹Ich will›:
So strebet Ihr im Erdenwerke
Als Menschen-Sinnes-Taten.
Der mantrische Charakter – der Weg zum Tempel
Das wahre Meditieren liegt nicht im theoretischen Inhalt, sondern im mantrischen Charakter: der Sinn löst sich in Situation und Geschehen auf, der Mensch geht aus sich heraus, hat die Vorstellung, dass Himmel, Umkreis und Erdentiefen tönen, dass er aus dem intimen Inneren antwortet, dass der Engel lehrend interpretiert. So umwebt, umschwebt, umströmt und umstrahlt die Meditation den Menschen, bis er ebenso sagen kann ‹Es spricht die Welt› wie ‹Wir sprechen in uns›.
Die wesentlichsten Tempel haben nicht Ort und nicht Zeit; man kommt doch nur mit Überwindung von sechzig Meilen zu ihnen – wenn man die Seele übt, wie es in den Mysterien angedeutet wurde. Während ich in der trockenen stehe (philiströse Wände, Stühle, oder Bäume), geht die Meditation in mir auf: nach der ersten Strophe spüre ich ein webendes Tempelgewölbe; bei der zweiten wird der Tempel wirklich, sichtbar für den Seelensinn, die gewöhnliche Welt wird unsichtbar; bei der dritten hat der Tempel seinen Boden gewonnen, und in ihm sind die Wesen, mit denen wir in Verbindung treten wollen. Es ist keine Vision, sondern ein wirklicher Geistesweg, der Weg zum Tempel.
Sinneswelt
Die Welt der Sinne, sofern sie als das Eigentliche genommen wird. Der Weg der Klasse geht aus dem ‹Reich der Illusion, im Reiche der Maja› hinüber.mehr
GA 270b, Sechzehnte Stunde.Schlusswiederholung – die drei Strophen
Welten-Sternen-Stätten,
Götter-Heimat-Orte!
Spricht in Haupteshöhe
Menschen-Geistes-Strahlung
Das ‹Ich bin›:
So lebet Ihr im Erdenleibe
Als Menschen-Wesenheit.
* * *
Welten-Sonnen-Kreise,
Geister-Wirkens-Wege!
Tönt in Herzensmitte
Menschen-Seelen-Weben
Das ‹Ich lebe›:
So schreitet Ihr im Erdenwandel
Als Menschen-Schöpferkraft.
* * *
Welten-Grundes-Mächte,
Schöpfer-Liebes-Glänzen!
Schafft in Leibesgliedern
Menschen-Wirkens-Strömung
Das ‹Ich will›:
So strebet Ihr im Erdenwerke
Als Menschen-Sinnes-Taten.
Verlegung der Stunden auf Sonntag
Aus Gründen, die darin liegen, dass vielen Freunden die Teilnahme am Freitag auf die Dauer nicht möglich wäre, sollen die Freitagstunden auf Sonntagvormittag von elf bis zwölf Uhr verlegt werden – das nächste Mal Sonntag in acht Tagen.
Wandtafelzeichnung zur Elften Stunde
Die bildliche Darstellung des in das Haupt zusammengerollten Sternenhimmels (Götterwohnungen) und des in ihn hineingesprochenen ‹Ich›. Unmittelbare Lese- und Meditationshilfe zu den drei Strophen dieser Stunde.