Vierte Stunde
Einleitung
Meine lieben Freunde! Uns hat beschäftigt in den vorangehenden Stunden die Begegnung mit dem . Und diese Begegnung muss immer mehr und mehr von uns begriffen werden, so weit, dass der ganze Ernst desjenigen, was mit dieser Begegnung gemeint ist, wirklich ständig vor unserer Seele stehen kann. Begegnung mit dem Hüter der ist ja eigentlich das erste, das an den Menschen herantritt, wenn in wahrem Sinne und im Ernste irgendein Verhältnis zur geistigen Welt für ihn in Betracht kommt. Denn erst jenseits der Schwelle ist die geistige Welt.
Hüter der Schwelle
Geistige Wesenheit, die am Übergang von der Sinneswelt in die geistige Welt steht. Sie stellt prüfende Fragen — die Mantren der Klasse sind oft Frage des Hüters und Antwort der Hierarchien.mehr
Der Hüter ist nicht Hindernis, sondern Mahnender. Er macht den Menschen darauf aufmerksam, daß er, will er die Schwelle übertreten, sein Denken, Fühlen und Wollen verwandeln muß. In den Mantren tritt er sprechend auf: ‹Der Hüter spricht …› — und es antworten Angeloi, Exusiai, Throne und so weiter. In späteren Stunden ‹spricht der Hüter aus der Ferne›, weil der Schüler an ihm vorbeigeschritten ist. GA 270b, Dreizehnte Stunde: ‹Der Hüter der Schwelle stellt die prüfend-mahnende Frage an uns. Die Hierarchien antworten.›Schwelle
Der Übergang zwischen Sinneswelt und geistiger Welt. Vor ihr liegt der ‹Abgrund› — die Stütze des physischen Bewußtseins hört auf.mehr
Bevor der Mensch in das Reich der Erkenntnis eintritt, kommt er an einen Abgrund, der sich zunächst als Bodenloses darstellt. Man kann ihn nur übersetzen, wenn einem ‹symbolisch gesprochen Flügel wachsen› — wenn man sich vom Physischen befreit. GA 270b: ‹Dabei bemerkt der Mensch, daß er, bevor er in das Reich der Erkenntnis eintritt, an einen Abgrund kommt …›Die Mysterienerzählung – Gedächtnis und Erleben
Ich möchte dasjenige, was heute vor unsere Seele treten soll, zunächst mit einer Erzählung vor Ihre Seele stellen, mit einer Erzählung, die entnommen ist alten esoterischen Traditionen.
Es wurde einmal ein Schüler aufgenommen in die Mysterien. Er absolvierte die Vorstufen. Und als er eine gewisse Stufe der Reife erlangt hatte – eine Stufe, bei der man gefühlsmäßig richtig die Mitteilungen aus der geistigen Welt entgegennimmt –, da sagte der Lehrer zu ihm:
Wenn ich zu dir spreche, dann sind die Worte, die ich zu dir sage, nicht Menschenworte; dasjenige, was ich zu sagen habe, kleidet sich nur in Menschenworte. Dasjenige, was ich zu dir zu sagen habe, sind Göttergedanken, und diese Göttergedanken werden zunächst durch Menschenworte vor dir ausgesprochen. Aber du musst dir klarsein, dass ich an alles, was in deiner Seele ist, appelliere. Du musst entgegenbringen den Worten, die ich im Auftrage der Götter an dich richte, all dein Denken, all dein Fühlen, all dein Wollen. Du musst entgegenbringen dem, was ich zu dir sage, allen Enthusiasmus deiner Seele, alle innere Wärme, alles innere Feuer. Du musst entgegenbringen deine volle Wachsamkeit.
Aber eine Seelenkraft ist, an die ich zunächst bei dir nicht appelliere, gar nicht appelliere: das ist dein Gedächtnis, das ist dein Erinnerungsvermögen. Und ich bin es zufrieden, wenn du gar nicht in dein Gedächtnis aufnimmst dasjenige, was ich zu dir spreche. es zufrieden, wenn du morgen schon wieder vergessen hast dasjenige, was ich zu dir spreche. Denn dasjenige, was du gewöhnlich dein Gedächtnis nennst, das ist ja zunächst nur für die Erdendinge gestimmt, das ist nicht für Götterdinge gestimmt.
Ich bin
‹Ich bin, der ich bin› — der Gottesname aus 2. Mose 3,14, den Steiner als ‹uralt heiliges Wort› nimmt.mehr
Im Erdenbereich, sagt Steiner, ist das ‹Ich bin› nur Illusion, ein Abglanz. Wahr klingt es erst im Reich der Seraphine, Cherubine, Throne. Das dreifache ‹Es ist Ich› am Schluß des Mantrams der Sechzehnten Stunde ist das Echo dieses Wortes im Menschenherzen. GA 270b, Sechzehnte Stunde: ‹das uralt heilige ‹ejeh asher ejeh› – ‹Ich bin Ich›, ‹Ich bin› – ein heiliges Wort, das aus jener jenseitigen Wirklichkeit herübertönt.› An jedem Tage soll es neu und frisch lebendig sein. Ich sage, ich appelliere nicht an dein Gedächtnis. Damit sage ich nicht zugleich, du sollst morgen nichts von dem haben, was heute zu dir gesprochen worden ist. Aber du sollst es nicht in deinem Gedächtnisse allein bewahren. Du sollst warten, was dein Gedächtnis damit macht. Was aber morgen dich in einem neuen Zustande zu mir führen soll, das sollen deine Gefühle sein, das soll deine innerste Seelenempfindung sein. Die soll bewahren dasjenige, was heute zu dir gesprochen worden ist. Denn Gedächtnis, Erinnerungsvermögen, das ist zum Lernen da. Dasjenige aber, was die Esoterik dir sagt, soll nicht zum Lernen bloß da sein, sondern das soll zum Leben da sein und soll in jeder Stunde, wo es an dich herantritt, neu erlebt werden können, ohne dass dir dabei das begriffs- und vorstellungsgemäße Gedächtnis zu Hilfe kommt.
Nicht Wissen, sondern Erleben – hinter die Worte hören
Es ist in der Tat so. Wir sollen an dasjenige, was esoterische Wahrheiten sind, herantreten so, dass uns niemals der Gedanke kommt: das weiß ich eigentlich schon. Denn nicht im Wissen liegt das Wesen der Esoterik, sondern im unmittelbaren Erleben. Und innerlich, in tieferen Schichten unseres Seelenlebens als da, wo das Gedächtnis wurzelt, soll uns das Esoterische ergreifen und soll sich bewahren.
Wenn wir dies bedenken, so werden wir aus diesem Bedenken sehr viel für die Auffassung wahren esoterischen Lebens begreifen. Denn das muss durchaus ernst genommen werden, dass schon in dem Augenblicke, wo wir Esoterisches entgegennehmen, unser bloßes Verstehen des Esoterischen in uns ein anderes Verhältnis des Denkens, des Fühlens, des Wollens hervorruft, als wir gewohnt sind für das alltägliche Bewusstsein.
Trennung von Denken, Fühlen, Wollen als esoterische Übung
Für das alltägliche Bewusstsein sind Denken, Fühlen und Wollen im Menschen innig miteinander verbunden. Denkt einmal, ihr kennt einen Menschen: ihr habt dasjenige, was ihr mit ihm erlebt habt, in euer Gedächtnis aufgenommen, mit eurem Gefühle durchdrungen. Habt ihr ihn geliebt, leuchtet eure Liebe auf; hasst ihr ihn, leuchtet euer Hass auf. Ihr könnt gar nicht trennen dasjenige, was ihr im Gefühl und im Willen tragt für diesen Menschen, von dem Gedanken an ihn.
Derjenige, der noch ganz in dieser Art der Seelenverfassung drinnensteht, kann esoterische Wahrheiten nicht im richtigen Sinne begreifen. Erst derjenige kann es, der zum Beispiel zu Folgendem imstande ist: er kennt einen Menschen, hat ein ganz bestimmtes Verhältnis zu ihm, ihm sind gewisse Dinge an diesem Menschen außerordentlich antipathisch – er wird erinnert an diesen Menschen, und er kann ihn vorstellen, ohne dass die Antipathien irgendwie in ihm aufdämmern. Er kann ihn ganz bloß denken.
Im Künstlerischen ist das dem Menschen zuweilen möglich – denn nicht immer kommen Begierden, wenn man einen Shakespeareschen Bösewicht auf der Bühne sieht, hinaufzuspringen und ihn durchzuprügeln. Aber man muss es, um richtiger Esoteriker sein zu können, auch im Leben dahin bringen können. Das Denken muss lösbar sein vom Fühlen, damit dasjenige, was aus der Esoterik heraus gesagt wird, in rechter Weise an die Seele herandringen kann. Und abgesondert davon müssen dann Gefühle und Willensimpulse entwickelt werden – nicht kalt und eisig, sondern im hellsten Enthusiasmus, der aber von ganz woanders herkommt: aus der Realität der Göttersphäre selbst, an die appelliert wird.
Daher ist es notwendig, dass in einer esoterischen Schule der Sinn ausgebildet werde, hinter die Worte zu hören. Und wenn dieser Sinn ausgebildet wird, dann wird man sich aneignen das heilighaltende Schweigen und die innerste menschliche Bescheidenheit. Wir werden lange brauchen, bis wir mit uns selber zurechtkommen. Und wir sollen diese Stimmung entwickeln, dass Esoterik im wortlosen Weben der Seele sich erst ausleben muss, bevor sie innerlich in uns als gereift angesehen werden kann.
Rückblick auf die drei Rhythmen der 3. Stunde
Worte, dem Sinne nach bloß aufgefasst, lassen uns bei uns. Dasjenige aber, um was es sich handelt bei der Esoterik, das ist, dass wir zusammenwachsen mit der Welt, dass wir immer mehr und mehr aus uns herauskommen. Denn nur so, dass wir aus uns herauskommen, ertragen wir das Getrenntsein von Denken, Fühlen und Wollen. Im Innern hält zunächst unser körperliches Ich für das Alltagsbewusstsein Denken, Fühlen und Wollen zusammen. Draußen müssen sie zusammengehalten werden durch die Götter.
Daher war es, dass in der letzten Klassenstunde vor Ihre Seele gestellt wurden, bei denen es auf das Skandieren ankommt: beim ersten Spruch ein trochäischer Rhythmus, beim zweiten ein jambischer, beim dritten ein spondäischer. Wenn wir mit der Seele fühlen, beim trochäischen Rhythmus vom Himmlischen zum Irdischen hinunterzusteigen, dann fühlen wir uns hinein in die Stimmung gegenüber unserem Gedankenweben. Die Götter haben uns zu sich hinaufgenommen, indem sie uns die Gedanken gegeben haben. Und wir steigen – indem wir die Gedanken webend erleben in unserer Seele – von diesen Gipfeln herunter in die Täler, wo wir die irdischen Dinge ergreifen.
mantrische Sprüche
Verdichtete Sprüche, die in den Klassenstunden gesprochen und an die Tafel geschrieben wurden. Sie sind keine Lehrsätze, sondern Meditationssubstanz.mehr
Steiner war es ausdrücklich nicht um das Gedächtnis zu tun: ‹Ich bin es zufrieden, wenn du gar nicht in dein Gedächtnis aufnimmst dasjenige, was ich zu dir spreche.› Die Mantren wirken durch wiederholtes inneres Erleben, nicht durch Lernen. Daher die Bedeutung der Stimmung — ‹Ernstes, Feierliches, Weihevolles›. GA 270a, Vierte Stunde. Anders steht es mit dem Fühlen: da verhalten wir uns in der Seele recht, wenn wir uns fühlen untenstehend im Tal und durch das Gefühl hinaufkommen wollen wie auf einer geistigen Leiter zu den Göttern – von unten nach oben, daher jambisch. Und wollen wir zum Wollen kommen, dann müssen wir durch die Stärke des Gefühls auf halbem Wege den Willensimpuls gebären können – daher spondäisch, zwei betonte Silben.
Sieh in dir Gedankenweben (Wiederholung)
Sieh in dir Gedankenweben:
Weltenschein erlebest du,
Selbstheitsein verbirgt sich dir;
Tauche unter in den :
Schein
Die Welt der Sinne, sofern sie als das Eigentliche genommen wird. Der Weg der Klasse geht aus dem ‹Reich der Illusion, im Reiche der Maja› hinüber.mehr
GA 270b, Sechzehnte Stunde. Ätherwesen weht in dir;
Selbstheitsein, es soll verehren
Deines Geistes Führerwesen.
Vernimm in dir Gefühle-Strömen (Wiederholung)
Vernimm in dir Gefühle-Strömen:
Es mengen Schein und Sein sich dir,
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich;
So tauche unter in scheinendes Sein:
Und Welten-Seelenkräfte sind in dir;
Die Selbstheit, sie soll bedenken
Der eignen Seele Lebensmächte.
Laß walten in dir den Willens-Stoß (Wiederholung)
Laß walten in dir den Willens-Stoß:
Der steigt aus allem Scheineswesen
Mit Eigensein erschaffend auf;
Ihm wende zu all dein Leben:
Der ist erfüllt von Welten-Geistesmacht;
Dein Eigensein, es soll ergreifen
Weltschöpfermacht im Geistes-Ich.
Eins-Fühlen mit der Welt – Tiefen, Weiten, Höhen
Da müssen wir wirklich jene Stimmung entwickeln lernen, durch die wir in aller Ehrlichkeit und in allem Ernste uns sagen lernen: Ich betrachte meine Hand: das bist du. Ich betrachte den Baum: das bist du. Ich betrachte die Wolke: das bist du. Ich betrachte den Regenbogen: das bist du. Ich fühle mich eins mit der Welt.
Abstrakt ist das leicht herbeizuführen. Konkret bedarf der Mensch gar vieler innerer Überwindungen. Die Hand ist nur notwendig für mein gegenwärtiges Erdendasein. Der Baum ist notwendig, dass ich überhaupt ein denkendes Wesen geworden bin – denn ohne die Anlage, die im alten Mondendasein aus dem ganzen Erdorganismus gebildet wurde, würde ich heute nicht denken. Wie soll mir die Hand mehr wert sein als der Baum? Ich komme dazu, dasjenige, was ich Außenwelt nenne, nach und nach viel mehr zu meinem Inneren zu rechnen als dasjenige, was ich als das Innere meiner Leiblichkeit ansehen kann.
Wie stehen wir zum äußeren Dasein? Wir schauen hinunter auf die Erde: wir fühlen uns abhängig von ihr. Wir schauen in die Weiten: die Sonne kommt am Morgen herauf, geht am Abend unter; aus den Weiten kommt es, in die Weiten geht es. Wir schauen hinauf: nächtlich der Sternenhimmel, geheimnisvoll spricht er zu uns. In diesem dreifachen Blick – hinunter, in die Weiten, hinauf – haben wir unser Verhältnis zur Welt bestimmt. Rege machen müssen wir in dem einen alltäglichen Bewusstsein: Tiefenbewusstsein, Weitenbewusstsein, Höhenbewusstsein.
Erstes Mantram (Tiefen) - Fühle wie die Erdentiefen
Fühle wie die Erdentiefen
Ihre Kräfte deinem Wesen
In die Leibesglieder drängen.
Du verlierest dich in ihnen,
Wenn du deinen Willen machtlos
Ihrem Streben anvertrauest;
Sie verfinstern dir das Ich.
Wir schauen hinunter zur Erde, wissen, dass sie Kristalle entstehen lässt, eine Schwerkraft ausübt, uns selber anzieht. Wir denken nicht daran, dass in uns Triebe, Instinkte, Begierden, Leidenschaften leben, dass in uns all dasjenige lebt, was wir zur niederen Menschennatur zählen – und dass das zur Erde gehört. Wenn wir den Blick hinunterrichten und fragen, was schafft die Erde in uns, dann sollen wir uns erinnern: da liegt in uns, geschaffen durch die Erde, alles dasjenige, was uns unter den Menschen herunterziehen will, was unser Ich verfinstern will, was uns ins Untermenschliche treiben will. Im ehrlichen Gestehen dessen entwickeln wir uns zum wahren Menschen hin.
Zweites Mantram (Weiten) – Fühle wie aus Weltenweiten
Fühle wie aus Weltenweiten
Göttermächte ihre Geisteshelle
Dir ins Seelenwesen leuchten lassen.
Finde dich in ihnen liebend,
Und sie schaffen weisheitwebend
Dich als Selbst in ihren Kreisen
Stark zum guten Geistesschaffen.
Nicht immer werden wir uns dessen bewusst, dass wir lieben können dasjenige, was als Licht über unsere Erde hinzieht. Aber wenn wir uns dessen bewusst sind, dass wir lieben können das Sonnenlicht, lieben können warm wie einen Freund, dann lernen wir auch, wie Götter im Lichtgewande um die Erde kreisen. Dann hört auf das bloße Sonnenlicht, über die Erde hin leuchtend zu scheinen – dann wird das Sonnenlicht zum Göttergewande. Und Götter wandeln über die Erde hin im Leuchtegewande. Dann wird für uns dasjenige, was wir mit dem Lichte erleben, wirklich zur Weisheit. Dann bringen Götter ihre Weisheit in unsere Herzen, in unsere Seelen hinein.
Die Götter wollen uns nicht auf Erden allein lassen, sie wollen uns in ihre Kreise ziehen. Die Erdentiefen-Kräfte wollen uns entreißen den Götterkräften.
Drittes Mantram (Höhen) – Fühle wie in Himmelshöhen
Fühle wie in Himmelshöhen
Selbstsein selbstlos leben kann,
Wenn es geisterfüllt Gedankenmächten
In dem Höhenstreben folgen will
Und in Tapferkeit das Wort vernimmt,
Das von oben gnadevoll ertönet
In des Menschen wahre Wesenheit.
Denkt euch einmal, draußen auf dem Felde stehend, beim sternbedeckten Himmel hinaufschauend in die Himmelshöhen. Wir fühlen uns eins mit dieser Welt. Aber der eine Punkt, an dem wir stehen auf der Erde, den wir für so wertvoll halten, dass wir immer nur als von unserem eigenen Selbst von ihm reden – er zerfließt, wenn wir hinaufschauen in die Weiten. Es ist ausgebreitet zur Halbkugel. Fühlen wir da recht, dann hört das enge Selbstsein auf und wird selbstlos, denn es ist unendlich verbreitet in den Weiten der Höhen.
Wer wirklich gefühlt hat, wie mit dem um die Erde ziehenden Sonnenlicht im Leuchtegewande Götter mit jedem Atemzuge in die Menschenseelen einziehen und ausziehen, und wer dann hinaufschaut, selbstlos in seiner Selbstheit fühlend, in Himmelshöhen, der kommt schon dazu, auch das Weitere in sich bewusst zu entwickeln: das aus den Höhen tönende Wort aufzunehmen, wenn man den Sinn dafür entwickelt, mit den Gedankenmächten in die Höhen der Himmel zu streben.
Gegenüberstellung: drei Tiere ↔ drei neue Sprüche
Nur dann werdet ihr richtig diese Empfindungen – Tiefenbewusstsein, Weitenbewusstsein, Höhenbewusstsein – innerlich durchführen können, wenn ihr die gegensätzlichen Sprüche vom dritten, zweiten und ersten Tier so recht tief und anschaulich für die Seele kontrastieren könnt mit diesen drei neuen mantrischen Sprüchen.
Ihr tretet vor den Hüter der Schwelle. Er zeigt euch das dritte der Tiere. Es klingt in euch dasjenige, was dieses dritte Tier charakterisiert – das Hinunterziehende. Dem entreißt ihr euch, indem ihr in tapferer Seele euch klarmacht: ‹Fühle wie die Erdentiefen / Ihre Kräfte deinem Wesen / In die Leibesglieder drängen.›
Da sind sie noch ähnlich: der Spruch vom Tier und der Spruch, der entreißt – beide charakterisieren das Hinunterziehende, nur das eine schildert es konkret, das andere macht aufmerksam. Gehen wir zum zweiten Tier: ganz und gar verschieden wird die Stimmung. Das eine Mal die grausige Schilderung des Spottgesichtes, das andere Mal der Appell an die Götter, die im Leuchtegewande herankommen. Das zweite Tier wird wahrhaftig ausgelöscht durch den hellen Sonnenschein, wenn wir den hellen Sonnenschein nur geistig ergreifen wollen.
Und gar das erste Tier: ‹Des ersten Tieres Knochengeist› – er erstarrt uns. Wir werden nur warm, wenn wir uns aus der Erstarrung lösen durch den Aufblick in die Himmelshöhen, wie wenn wir verbrennen wollten dasjenige, was in diesem Spruch gesagt ist, und in den Flammen aufsteigen wollten.
So sollen wir uns allmählich einfühlen in geistiges Leben:
Erblickst du des dritten Tieres glasig Auge – stehe fest und fühle, was die Erdentiefen von dir wollen.
Schaust du des zweiten Tieres Spottgesicht – empfange liebend Sonnenlicht.
Erstarrst du durch des ersten Tieres Knochengeist – erwarme menschlich als Mensch, indem du zu den Himmelshöhen das Herz warm erhebest.
Hüterspruch – Des dritten Tieres glasig Auge
Des dritten Tieres glasig Auge,
Es ist das böse Gegenbild
Des Denkens, das in dir sich selbst
Verleugnet und den Tod sich wählet,
Absagend Geistgewalten, die es
Vor seinem Erdenleben geistig
In Geistesfeldern lebend hielten.
Hüterspruch – Des zweiten Tieres Spottgesicht
Des zweiten Tieres Spottgesicht,
Es ist die böse Gegenkraft
Des Fühlens, das die eigne Seele
Aushöhlet und Lebensleerheit
In ihr erschafft statt Geistgehalt,
Der vor dem Erdensein erleuchtend
Aus Geistessonnenmacht ihr ward.
Hüterspruch – Des ersten Tieres Knochengeist
Des ersten Tieres Knochengeist,
Er ist die böse Schöpfermacht
Des Wollens, die den eignen Leib
Entfremdet deiner Seelenkraft
Und ihn den Gegenmächten weiht,
Die Weltensein dem Göttersein
In Zukunftzeiten rauben wollen.
Haben wir das letzte Mal gesehen, dass wir einen innerlichen Rhythmus aufnehmen, wenn wir in das Weben der Leuchtewesenheit der Welt mit unserem eigenen Wesen hineinkommen wollen, so müssen wir heute uns damit bekanntmachen, wie die Dinge, die nun in dieser Esoterik an uns herantreten, einen inneren Zusammenhang haben, und wie wir jedesmal zurückgreifen müssen auf das Frühere – nicht mit Bezug auf den Sinn der Worte, denn der bleibt immer irdisch, sondern durch die Stimmung. Und diese Stimmung wird uns aus dem Ganzen entgegenkommen, sie wird uns aber auch aus den Einzelheiten entgegenkommen.
So sollen wir uns allmählich einfühlen in geistiges Leben, und dieses geistige Leben wird immer verwandter und verwandter unserer Seele werden.
Ernst der Schule – Zertifikatsentzug
Es ist notwendig, dass ich einen kleinen Satz anfüge. Denn die Schule selbst muss im Ernste leben. Ich bin genötigt gewesen, einer Persönlichkeit, die – weil sie unterlassen hat, was sie hätte tun sollen hier im Dienste – ein großes Unglück hätte bewirken können, das Zertifikat für diese zu entziehen. Ich erwähne dieses aus dem besonderen Grunde, weil ich damit andeuten will, dass tatsächlich Ernst gemacht werden wird mit demjenigen, was bei der Weihnachtstagung als Absichten angedeutet worden ist. Diese esoterische Schule wird als von der geistigen Welt gewollt gedacht, und in dem Augenblicke, wo irgend jemand nicht in rechter Weise ein Repräsentant der anthroposophischen Bewegung sein will, hat die Schule das Recht, ihm das Zertifikat zu entziehen. Wir müssen in den vollen Ernst des Esoterischen hineinwachsen.