Mantren Erste Breslauer Stunde Breslau · 1924-06-12 · GA 270-breslau, S. Perseus 2016

Erste Breslauer Stunde

Breslau · · GA 270-breslau, S. Perseus 2016

Einleitung – Erkenntnis der geistigen Welt, Reifung

Meine lieben Schwestern und Brüder! Diese Stunde weist denen, die es wissen wollen, den Weg in die Erkenntnis der geistigen Welt, aus der alles fliesst, was durch die anthroposophische Bewegung geht. Was die äussere Welt Erkenntnis nennt und nur die physische Welt betrifft, ist noch nicht wirkliche Erkenntnis; diese entsteht erst, wenn im Menschen Kräfte Platz greifen, die Seele und Herz erfassen und das Spirituelle der geistigen Welt wiedergeben. In dieser Welt ist der Mensch jede Nacht im Schlaf; nur die verschwommenen Wellen der Träume dringen davon ans Ich. Der Mensch muss erst reif werden, der Erfahrung der geistigen Welt gegenüberzutreten; er kann nach zwei Richtungen gefährdet sein.

Der Hüter der Schwelle – die helle Welt, der Abgrund, die Einsamkeit

Das erste Wesen, dem der Mensch beim Eintritt in die geistige Erkenntnis begegnet, ist
der Hüter Geistige Wesenheit, die am Übergang von der Sinneswelt in die geistige Welt steht. Sie stellt prüfende Fragen — die Mantren der Klasse sind oft Frage des Hüters und Antwort der Hierarchien.
mehr Der Hüter ist nicht Hindernis, sondern Mahnender. Er macht den Menschen darauf aufmerksam, daß er, will er die Schwelle übertreten, sein Denken, Fühlen und Wollen verwandeln muß. In den Mantren tritt er sprechend auf: ‹Der Hüter spricht …› — und es antworten Angeloi, Exusiai, Throne und so weiter. In späteren Stunden ‹spricht der Hüter aus der Ferne›, weil der Schüler an ihm vorbeigeschritten ist. GA 270b, Dreizehnte Stunde: ‹Der Hüter der Schwelle stellt die prüfend-mahnende Frage an uns. Die Hierarchien antworten.›
der
Schwelle Der Übergang zwischen Sinneswelt und geistiger Welt. Vor ihr liegt der ‹Abgrund› — die Stütze des physischen Bewußtseins hört auf.
mehr Bevor der Mensch in das Reich der Erkenntnis eintritt, kommt er an einen Abgrund, der sich zunächst als Bodenloses darstellt. Man kann ihn nur übersetzen, wenn einem ‹symbolisch gesprochen Flügel wachsen› — wenn man sich vom Physischen befreit. GA 270b: ‹Dabei bemerkt der Mensch, daß er, bevor er in das Reich der Erkenntnis eintritt, an einen Abgrund kommt …›
. Man stelle es sich ganz bildlich vor: Ringsum breitet sich die gewöhnliche Welt in ihrer schönen Majestät, vom niedersten Gewürm bis zu den Sternen, freud- und schmerzensreich. Wer richtiger Esoteriker sein will, darf nicht stumpf sein, sondern muss diese Welt schätzen und anerkennen – das Liebenswerte, Grosse, Schöne, Erhabene. In einiger Entfernung aber endet diese helle Welt: ein unermesslich tiefer
Abgrund Der Spalt zwischen Sinneswelt und Geisteswelt, an dem der Hüter steht. Über ihn kann nur das geistig-seelische Wesen schreiten.
mehr Mantram ‹Wo auf Erdengründen …›: ‹Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder, / Hinter ihm, da gähnen Abgrundtiefen.›
. Dort steht der Hüter, der uns bewahrt, unreif einzutreten. Jenseits ist zunächst schwarze Finsternis – das ist das Wohltätige des Hüters, dass er das Jenseitige zunächst verhüllt zeigt. Einsam stehen wir, fragen ‹Was bist du selbst, du Mensch?› und bekommen aus der hellen Welt keine Antwort: Unser Wesen ist nicht von hier, es ist von drüben, wo noch Finsternis ist. In diesem Augenblick tönen mantrische Weltenworte an unser geistiges Ohr; der Hüter spricht.

‹Wo auf Erdengründen …› (Breslauer Fassung; vgl. App 1.1)

Wo auf Erdengründen, Farb' an Farbe,
Sich das Leben schaffend offenbart;
Wo aus Erdenstoffen, Form an Form,
Sich das Lebenslose ausgestaltet;
Wo erfühlende Wesen, willenskräftig,
Sich am eignen Dasein freudig wärmen;
Wo du selbst, o Mensch, das Leibessein
Dir aus Erd' und Luft und Licht erwirbst:
Da betrittst du deines Eigenwesens
Tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis;
Du erfragest im Dunkel der Weiten
Nimmer, wer du bist und warst und werdest.
Für dein Eigensein finstert der Tag
Sich zur Seelennacht, zum Geistesdunkel;
Und du wendest seelensorgend dich
An das Licht, das aus Finsternissen kraftet.

‹Und aus Finsternissen hellet sich …› der Geistesbote (vgl. App 1.2)

Und aus Finsternissen hellet sich
– Dich im Ebenbilde offenbarend,
Doch zum Gleichnis auch dich bildend,
Ernstes Geisteswort im Weltenäther,
Deinem Herzen hörbar, kraftvoll wirkend –
Dir der Geistesbote, der allein
Dir den Weg erleuchten kann;
Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder,
Hinter ihm, da gähnen Abgrundtiefen.
Und vor seinen finstern Geistesfeldern,
Dicht am gähnenden Abgrund des Seins,
Da ertönt sein urgewaltig Schöpferwort:
Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor.

‹Aus den Weiten der Raumeswesen …› das Daseinswort (vgl. App 1.3)

Aus den Weiten der Raumeswesen,
Die im Lichte das Sein erleben,
Aus dem Schritte des Zeitenganges,
Der im Schaffen das Wirken findet,
Aus den Tiefen des Herzempfindens,
Wo im Selbst sich die Welt ergründet:
Da ertönet im Seelensprechen,
Da erleuchtet aus Geistgedanken
Das aus göttlichen Heileskräften
In den Weltengestaltungsmächten
Wellend wirkende Daseinswort:
O, du Mensch, erkenne dich selbst.

Die drei Tiere – Wollen, Fühlen, Denken vor dem göttlich-geistigen Dasein

Der Hüter fasst uns an der Hand und spricht über den Abgrund hinüber: Wir können nicht hinüber mit dem, was uns als Irdisches gegeben ist. In unser dreifaches Inneres – Wollen, Fühlen, Denken – hat sich Ungeläutertes ergossen; keines ist rein. Der Hüter führt von dem, was wir gewöhnlich über Denken, Fühlen, Wollen meinen, zu den Imaginationen, den wahren Bildern dieser Kräfte vor der göttlich-geistigen Welt. Nacheinander steigen für die Seelenschau drei Tiere aus dem Abgrund: das wahre Abbild des Wollens, dann des Fühlens, dann des Denkens. In Bescheidenheit und Demut – ernst und schauerlich – wird uns die erste Stufe der
Selbsterkenntnis Der Ausgangspunkt der Klasse, gefaßt im Wort ‹O Mensch, erkenne dich selbst!› — kein Brüten ins Innere, sondern ‹ausführliches Gespräch mit Welt, Hüter und Hierarchien›.
mehr GA 270b, Zwölfte Stunde.
gezeigt: nicht wie wir schon Mensch sind, sondern wie wir es noch nicht sind. Erst wenn die drei besiegt sind, wachsen der Seele Flügel, um den Abgrund zu übersetzen.

‹Doch du mußt den Abgrund achten …› die drei Tiere (vgl. App 1.4)

Doch du musst den Abgrund achten;
Sonst verschlingen seine Tiere
Dich, wenn du an mir vorübereilt'st;
Sie hat deine Weltenzeit in dir
Als
Erkenntnisfeinde Die drei inneren Hindernisse, die der Hüter im Mantram ‹Doch du mußt den Abgrund achten …› benennt: Furcht, Haß, Zweifel.
mehr GA 270a, Erste Stunde.
hingestellt.
Schau das erste Tier, den Rücken krumm,
Knochenhaft das Haupt, von dürrem Leib,
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut;
Deine Furcht vor Geistes-Schöpfer-Sein
Schuf das Ungetüm in deinem Willen;
Dein Erkenntnismut nur überwindet es.
Schau das zweite Tier, es zeigt die Zähne
Im verzerrten Angesicht, es lügt im Spotten,
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib;
Dein Hass auf Geistes-Offenbarung
Schuf den Schwächling dir im Fühlen;
Dein Erkenntnisfeuer muss ihn zähmen.
Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul,
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung,
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt;
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken;
Dem Erkenntnisschaffen muss es weichen.
Erst wenn die drei von dir besiegt,
Werden Flügel deiner Seele wachsen,
Um den Abgrund zu übersetzen,
Der dich trennet vom Erkenntnisfelde,
Dem sich deine Herzenssehnsucht
Heilerstrebend weihen möchte.

Schlusswiederholung – Daseinswort (vgl. App 1.3)

Aus den Weiten der Raumeswesen,
Die im Lichte das Sein erleben,
Aus dem Schritte des Zeitenganges,
Der im Schaffen das Wirken findet,
Aus den Tiefen des Herzempfindens,
Wo im Selbst sich die Welt ergründet:
Da ertönet im Seelensprechen,
Da erleuchtet aus Geistgedanken
Das aus göttlichen Heileskräften
In den Weltengestaltungsmächten
Wellend wirkende Daseinswort:
O, du Mensch, erkenne dich selbst.

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