Mantren Zweite Breslauer Stunde Breslau · 1924-06-13 · GA 270-breslau, S. Perseus 2016

Zweite Breslauer Stunde

Breslau · · GA 270-breslau, S. Perseus 2016

Einleitung – Selbsterkenntnis ist Welterkenntnis; die einsame Seele

Meine lieben Schwestern und Brüder! Mit der Rede des Hüters, da wir hart am
Abgrund Der Spalt zwischen Sinneswelt und Geisteswelt, an dem der Hüter steht. Über ihn kann nur das geistig-seelische Wesen schreiten.
mehr Mantram ‹Wo auf Erdengründen …›: ‹Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder, / Hinter ihm, da gähnen Abgrundtiefen.›
des Seins stehen, ist das aus allen Weltenweiten, Sternenweiten und Erdentiefen heranklingende Mahnungswort nach
Selbsterkenntnis Der Ausgangspunkt der Klasse, gefaßt im Wort ‹O Mensch, erkenne dich selbst!› — kein Brüten ins Innere, sondern ‹ausführliches Gespräch mit Welt, Hüter und Hierarchien›.
mehr GA 270b, Zwölfte Stunde.
verbunden. Es klang zu allen Zeiten, klingt aus der Gegenwart und wird in die Zukunft klingen. In der Selbsterkenntnis finden wir Anfang, Mitte und Ende der Welt, denn im Menschen offenbart sich das ganze Universum: Selbsterkenntnis ist Welterkenntnis. Doch am Abgrund, vor der undurchdringlichen Finsternis, ergriffen vom
Hüter Geistige Wesenheit, die am Übergang von der Sinneswelt in die geistige Welt steht. Sie stellt prüfende Fragen — die Mantren der Klasse sind oft Frage des Hüters und Antwort der Hierarchien.
mehr Der Hüter ist nicht Hindernis, sondern Mahnender. Er macht den Menschen darauf aufmerksam, daß er, will er die Schwelle übertreten, sein Denken, Fühlen und Wollen verwandeln muß. In den Mantren tritt er sprechend auf: ‹Der Hüter spricht …› — und es antworten Angeloi, Exusiai, Throne und so weiter. In späteren Stunden ‹spricht der Hüter aus der Ferne›, weil der Schüler an ihm vorbeigeschritten ist. GA 270b, Dreizehnte Stunde: ‹Der Hüter der Schwelle stellt die prüfend-mahnende Frage an uns. Die Hierarchien antworten.›
, werden wir einsame Seelen – denn diesseits, im sonnenglänzenden Lichtreich, finden wir nicht unser wahres Selbst, sondern jenseits, in der nachtbedeckten Finsternis, wo der Quell unseres Seins ist.

Das Weltenwort – ‹O Mensch, erkenne dich selbst!› (vgl. Erste Tafel)

O Mensch, erkenne dich selbst!
So tönt das
Weltenwort Das schöpferische Wort, das aus dem Weltenall an den Menschen herantönt. Eröffnet jede Klassenstunde mit ‹O Mensch, erkenne dich selbst!›
mehr Anders als das Menschenwort, in dem Menschendenken spricht, spricht im Geistes-Weltenwort das Weltendenken. Die Seraphine sprechen es als Feuersprache, ‹flammende Stimme›. GA 270b, Sechzehnte Stunde.
.
Du hörst es seelenkräftig,
Du fühlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmächtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tönt es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfühlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfühlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrom.

Das Denken als Leichnam – der Ätherleib, die Führerwesen

Was ist dieses Denken, das wir hier zwischen Geburt und Tod haben? Gegenüber den lebendigen Sinneseindrücken erscheint es schattenhaft, kalt, trocken. Eine rechte Vorstellung davon bekommt man nur am Bild des Leichnams: Die Form des Leichnams ist sinnlos für sich, sie kann nur vom Lebendigen herrühren, er ist der Überrest des zwischen Tod und Geburt Lebendigen. Ebenso ist das in der Kindheit entwickelte Denken ein Leichnam – es wurde tot, als es sich in den Sarg des eigenen Leibes legte; lebendig war es im vorirdischen Dasein. Im Gedankenweben zeigt sich daher kein lebendiges Weltensein, nur Weltenschein; das Sein der Selbstheit verbirgt sich. Tauchen wir meditierend unter das Denken – trotz seiner Leichenhaftigkeit, durchdrungen von Liebe, Gefühl, Empfindung –, fühlen wir, dass wir nicht bloss physischer Leib sind, sondern einen
Ätherleib Der Lebensleib des Menschen, der über den physischen Leib hinausreicht. In ihm lebt das wirkliche Denken, dessen physischer Abdruck der ‹Schein› unseres gewöhnlichen Denkens ist.
mehr GA 270c, Sechste Wiederholungsstunde.
tragen, in dem die Welt der
Hierarchien Neun geistige Wesensordnungen, in drei Gruppen zu je drei. In den Mantren antworten sie auf die Fragen des Hüters.
mehr Erste Hierarchie (höchste, der Erde am fernsten): Throne, Cherubine, Seraphine. Zweite: Kyriotetes, Dynamis, Exusiai. Dritte (dem Menschen nächste): Archai, Archangeloi, Angeloi. Im Mantram zum Wärmeelement antworten sie chormäßig in Quer-Verbindungen — Angeloi-Exusiai-Throne als ein Chor. GA 270b, Dreizehnte Stunde.
zu leben beginnt: die geistigen Führerwesen, hinter dem physischen Sein.

Die Prüfung der Einsamkeit – radikale Selbsterkenntnis

Der besondere Duktus dieser Stunden: die Prüfung der Einsamkeit auf dem Meditationsweg und die Notwendigkeit einer radikalen Selbsterkenntnis. Wenn wir so einsam dastehen, beschäftigt mit dem Hinüberkommen, beginnt der Hüter neuerdings zu unserer einsamen Seele zu sprechen. Selbsterkenntnis muss ernsthaftes inneres Erlebnis sein; es sind zugleich Kraftworte, die die Seele, nachdem sie sie beflügelt haben, über den Abgrund des Seins in der Geisterkenntnis Reich vorwärtstreiben.

‹Sieh in dir Gedankenweben …› (Breslauer Fassung; vgl. App 3.1–3.3)

Sieh in dir Gedankenweben:
Weltenschein erlebest du,
Selbstheitsein verbirgt sich dir;
Tauche unter in den
Schein Die Welt der Sinne, sofern sie als das Eigentliche genommen wird. Der Weg der Klasse geht aus dem ‹Reich der Illusion, im Reiche der Maja› hinüber.
mehr GA 270b, Sechzehnte Stunde.
:
Ätherwesen weht in dir;
Selbstheitsein, es soll verehren
Deines Geistes Führerwesen.
* * *
Vernimm in dir Gefühle-Strömen:
Es mengen Schein und Sein sich dir,
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich;
So tauche unter in scheinendes Sein:
Und Welten-Seelenkräfte sind in dir;
Die Selbstheit, sie soll bedenken
Der eignen Seele Lebensmächte.
* * *
Laß walten in dir den Willens-Stoß:
Der steigt aus allem Scheineswesen
Mit Eigensein erschaffend auf;
Ihm wende zu all dein Leben:
Der ist erfüllt von Welten-Geistesmacht;
Dein Eigensein, es soll ergreifen
Weltschöpfermacht im Geistes-Ich.

Trochäisch · jambisch · spondäisch – verehren/bedenken/ergreifen

In mantrischer Sprache ist nicht nur der Inhalt wichtig, sondern auch das Metrum. Das erste Wort (Denken) ist trochäisch gebaut – hoher, fallender Ton zu tiefem Ton –, zu empfinden wie kraftvoll von einem Berg herab gesprochen, ein Auftauchen des Bewusstseins vom Ätherwesen. Im Fühlen sind wir intimer verbunden: Schein und Sein mischen sich wie im Traum, die Selbstheit taucht schwach auf; der Hüter spricht jambisch – tiefer Ton, dann voller hoher Ton, ein Aufsteigen. Im Wollen treten wir an die ganze Wirklichkeit: spondäisch, zwei gleich stark betonte Silben, ein Sichfortbewegen im gleichen Niveau des Geistes. Steigerung: verehren (Führerwesen) – bedenken (Lebensmächte) – ergreifen (Weltschöpfermacht).

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