Breslauer Stunden – Volltext (Steiner-Sprechwortlaut)
Editorische Notiz
Eigenständige Aufbereitung der beiden Breslauer (12./13. Juni 1924) auf gemeinfreier Basis. Wiedergegeben sind Rudolf Steiners gemeinfreier Sprechwortlaut und die Mantra-Verse verbatim nach dem GA-270-Bestand; die Vortragsführung steht in eigener, sinngetreuer Nacherzählung. Editionsbestandteile der Ausgabe Perseus Verlag Basel 2016 (Vorwort, Editorische Bemerkungen, Anmerkungen, -Entzifferung Elena Gradenwitz nach Lilly Kolisko, Klammer-Ergänzungen, Lückenmarkierungen) sind hier nicht übernommen und nur bibliografisch nachgewiesen. Rechtsstand: Steiners Werk ist seit 31.12.1975 gemeinfrei (LG München I, rkr.; Ursprungsland Schweiz, kürzere Schutzfrist via Art. 7 Abs. 8 RBÜ).
Wiederholungsstunden
Stunden, in denen Steiner die Mantren früherer Stunden wieder aufnahm — entweder neben den Hauptstunden in Dornach oder an anderen Orten (Breslau, Prag, Bern, London).mehr
Die Breslauer Wiederholungsstunden vom 12. und 13. Juni 1924 — auf den Stenogrammen von Lilly Kolisko — sind editionsgeschichtlich besonders, weil sie 2014 erstmals entziffert und 2016 veröffentlicht wurden. Vorwort der Perseus-Ausgabe, Basel 2016.Stenogramm
Mitschrift der Stunden in Kurzschrift. Maßgeblich für die Dornacher Stunden ist Helene Finckh, für die Breslauer Stunden Lilly Kolisko.mehr
Frau Finckh schrieb die an die Tafel geschriebenen Texte in voller Langschrift mit, das Gesprochene stenographisch — daraus ergibt sich die Unterscheidung zwischen Tafeltext und Vortragstext, die das ganze editorische Bild prägt. GA 270a, Hinweise.Erste Stunde – Einleitung
Erste Breslauer Stunde (12. Juni 1924). Steiner weist denen, die es wissen wollen, den Weg in die Erkenntnis der geistigen Welt: Was die äussere Welt Erkenntnis nennt und nur Physisches betrifft, ist noch keine wirkliche Erkenntnis; diese beginnt erst, wenn im Menschen Kräfte Platz greifen, die Seele und Herz ergreifen. In dieser Welt ist der Mensch jede Nacht im Schlaf; nur die verschwommenen Traumwellen dringen davon ans Ich. Der Mensch muss erst reif werden; er kann nach zwei Seiten gefährdet sein.
Erste Stunde – Der Hüter der Schwelle, der Abgrund
Das erste Wesen am Eingang ist der . Bildhaft: ringsum die helle, majestätische vom geringsten Lebewesen bis zu den Sternen, freud- und schmerzvoll; wer Esoteriker sein will, darf nicht stumpf sein, sondern muss diese Welt schätzen. In einiger Entfernung endet sie an einem unermesslich tiefen ; dort steht der Hüter, der vor unreifem Eintritt bewahrt. Jenseits ist zunächst Finsternis – das Wohltätige des Hüters, der das Jenseitige verhüllt zeigt. Einsam fragt der Mensch ‹Was bist du selbst?› und erhält aus der hellen Welt keine Antwort: sein Wesen ist von drüben. In diesem Augenblick tönen mantrische Weltenworte; der Hüter spricht.
der Hüter
Geistige Wesenheit, die am Übergang von der Sinneswelt in die geistige Welt steht. Sie stellt prüfende Fragen — die Mantren der Klasse sind oft Frage des Hüters und Antwort der Hierarchien.mehr
Der Hüter ist nicht Hindernis, sondern Mahnender. Er macht den Menschen darauf aufmerksam, daß er, will er die Schwelle übertreten, sein Denken, Fühlen und Wollen verwandeln muß. In den Mantren tritt er sprechend auf: ‹Der Hüter spricht …› — und es antworten Angeloi, Exusiai, Throne und so weiter. In späteren Stunden ‹spricht der Hüter aus der Ferne›, weil der Schüler an ihm vorbeigeschritten ist. GA 270b, Dreizehnte Stunde: ‹Der Hüter der Schwelle stellt die prüfend-mahnende Frage an uns. Die Hierarchien antworten.›Schwelle
Der Übergang zwischen Sinneswelt und geistiger Welt. Vor ihr liegt der ‹Abgrund› — die Stütze des physischen Bewußtseins hört auf.mehr
Bevor der Mensch in das Reich der Erkenntnis eintritt, kommt er an einen Abgrund, der sich zunächst als Bodenloses darstellt. Man kann ihn nur übersetzen, wenn einem ‹symbolisch gesprochen Flügel wachsen› — wenn man sich vom Physischen befreit. GA 270b: ‹Dabei bemerkt der Mensch, daß er, bevor er in das Reich der Erkenntnis eintritt, an einen Abgrund kommt …›Sinneswelt
Die Welt der Sinne, sofern sie als das Eigentliche genommen wird. Der Weg der Klasse geht aus dem ‹Reich der Illusion, im Reiche der Maja› hinüber.mehr
GA 270b, Sechzehnte Stunde.Abgrund
Der Spalt zwischen Sinneswelt und Geisteswelt, an dem der Hüter steht. Über ihn kann nur das geistig-seelische Wesen schreiten.mehr
Mantram ‹Wo auf Erdengründen …›: ‹Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder, / Hinter ihm, da gähnen Abgrundtiefen.›‹Wo auf Erdengründen …› (gemeinfrei; vgl. App 1.1)
Wo auf Erdengründen, Farb' an Farbe,
Sich das Leben schaffend offenbart;
Wo aus Erdenstoffen, Form an Form,
Sich das Lebenslose ausgestaltet;
Wo erfühlende Wesen, willenskräftig,
Sich am eignen Dasein freudig wärmen;
Wo du selbst, o Mensch, das Leibessein
Dir aus Erd' und Luft und Licht erwirbst:
Da betrittst du deines Eigenwesens
Tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis;
Du erfragest im Dunkel der Weiten
Nimmer, wer du bist und warst und werdest.
Für dein Eigensein finstert der Tag
Sich zur Seelennacht, zum Geistesdunkel;
Und du wendest seelensorgend dich
An das Licht, das aus Finsternissen kraftet.
‹Und aus Finsternissen hellet sich …› (vgl. App 1.2)
Und aus Finsternissen hellet sich
– Dich im Ebenbilde offenbarend,
Doch zum Gleichnis auch dich bildend,
Ernstes Geisteswort im Weltenäther,
Deinem Herzen hörbar, kraftvoll wirkend –
Dir der Geistesbote, der allein
Dir den Weg erleuchten kann;
Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder,
Hinter ihm, da gähnen Abgrundtiefen.
Und vor seinen finstern Geistesfeldern,
Dicht am gähnenden Abgrund des Seins,
Da ertönt sein urgewaltig Schöpferwort:
Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor.
‹Aus den Weiten der Raumeswesen …› (vgl. App 1.3)
Aus den Weiten der Raumeswesen,
Die im Lichte das Sein erleben,
Aus dem Schritte des Zeitenganges,
Der im Schaffen das Wirken findet,
Aus den Tiefen des Herzempfindens,
Wo im Selbst sich die Welt ergründet:
Da ertönet im Seelensprechen,
Da erleuchtet aus Geistgedanken
Das aus göttlichen Heileskräften
In den Weltengestaltungsmächten
Wellend wirkende Daseinswort:
O, du Mensch, erkenne dich selbst.
Erste Stunde – Die drei Tiere
Der Hüter fasst den Menschen an der Hand und spricht über den Abgrund: hinüber kommt man nicht mit dem irdisch Gegebenen. In Wollen, Fühlen und Denken hat sich Ungeläutertes ergossen; keines ist rein. Er führt von den gewohnten Begriffen zu den Imaginationen – den wahren Bildern dieser Kräfte. Drei Tiere steigen für die Seelenschau aus dem Abgrund: das wahre Abbild des Wollens, dann des Fühlens, dann des Denkens. In Demut wird die erste Stufe der gezeigt: nicht wie man schon Mensch ist, sondern wie man es noch nicht ist. Erst wenn die drei besiegt sind, wachsen der Seele Flügel über den Abgrund.
Selbsterkenntnis
Der Ausgangspunkt der Klasse, gefaßt im Wort ‹O Mensch, erkenne dich selbst!› — kein Brüten ins Innere, sondern ‹ausführliches Gespräch mit Welt, Hüter und Hierarchien›.mehr
GA 270b, Zwölfte Stunde.‹Doch du mußt den Abgrund achten …› (vgl. App 1.4)
Doch du musst den Abgrund achten;
Sonst verschlingen seine Tiere
Dich, wenn du an mir vorübereilt'st;
Sie hat deine Weltenzeit in dir
Als hingestellt.
Erkenntnisfeinde
Die drei inneren Hindernisse, die der Hüter im Mantram ‹Doch du mußt den Abgrund achten …› benennt: Furcht, Haß, Zweifel.mehr
GA 270a, Erste Stunde. Schau das erste Tier, den Rücken krumm,
Knochenhaft das Haupt, von dürrem Leib,
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut;
Deine Furcht vor Geistes-Schöpfer-Sein
Schuf das Ungetüm in deinem Willen;
Dein Erkenntnismut nur überwindet es.
Schau das zweite Tier, es zeigt die Zähne
Im verzerrten Angesicht, es lügt im Spotten,
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib;
Dein Hass auf Geistes-Offenbarung
Schuf den Schwächling dir im Fühlen;
Dein Erkenntnisfeuer muss ihn zähmen.
Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul,
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung,
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt;
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken;
Dem Erkenntnisschaffen muss es weichen.
Erst wenn die drei von dir besiegt,
Werden Flügel deiner Seele wachsen,
Um den Abgrund zu übersetzen,
Der dich trennet vom Erkenntnisfelde,
Dem sich deine Herzenssehnsucht
Heilerstrebend weihen möchte.
Zweite Stunde – Selbsterkenntnis ist Welterkenntnis
Zweite Breslauer Stunde (13. Juni 1924). Mit der Rede des Hüters ist das aus allen Weltenweiten heranklingende Mahnungswort nach Selbsterkenntnis verbunden; es klang immer, klingt jetzt und wird klingen. In der Selbsterkenntnis liegt Anfang, Mitte und Ende der Welt – im Menschen offenbart sich das ganze Universum, darum ist Selbsterkenntnis Welterkenntnis. Am Abgrund aber, vor der Finsternis, vom Hüter ergriffen, wird der Mensch zur einsamen Seele: diesseits, im Lichtreich, findet er sein wahres Selbst nicht, sondern jenseits, wo der Quell seines Seins ist.
Das Weltenwort – ‹O Mensch, erkenne dich selbst!›
O Mensch, erkenne dich selbst!
So tönt das .
Weltenwort
Das schöpferische Wort, das aus dem Weltenall an den Menschen herantönt. Eröffnet jede Klassenstunde mit ‹O Mensch, erkenne dich selbst!›mehr
Anders als das Menschenwort, in dem Menschendenken spricht, spricht im Geistes-Weltenwort das Weltendenken. Die Seraphine sprechen es als Feuersprache, ‹flammende Stimme›. GA 270b, Sechzehnte Stunde. Du hörst es seelenkräftig,
Du fühlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmächtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tönt es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfühlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfühlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrom.
Zweite Stunde – Das Denken als Leichnam, der Ätherleib
Was ist dieses irdische Denken? Gegenüber den lebendigen Sinneseindrücken erscheint es schattenhaft, kalt, trocken. Eine rechte Vorstellung gibt nur das Bild des Leichnams: dessen Form ist für sich sinnlos und kann nur vom Lebendigen herrühren – er ist der Überrest des zwischen Tod und Geburt Lebendigen. Ebenso ist das in der Kindheit entwickelte Denken ein Leichnam; es wurde tot, als es sich in den Sarg des Leibes legte, lebendig war es vorirdisch. Im Gedankenweben zeigt sich daher nur Weltenschein; das Sein der Selbstheit verbirgt sich. Taucht man meditierend unter das Denken, durchdrungen von Liebe und Empfindung, fühlt man den , in dem die Welt der zu leben beginnt: die geistigen Führerwesen hinter dem physischen Sein.
Ätherleib
Der Lebensleib des Menschen, der über den physischen Leib hinausreicht. In ihm lebt das wirkliche Denken, dessen physischer Abdruck der ‹Schein› unseres gewöhnlichen Denkens ist.mehr
GA 270c, Sechste Wiederholungsstunde.Hierarchien
Neun geistige Wesensordnungen, in drei Gruppen zu je drei. In den Mantren antworten sie auf die Fragen des Hüters.mehr
Erste Hierarchie (höchste, der Erde am fernsten): Throne, Cherubine, Seraphine. Zweite: Kyriotetes, Dynamis, Exusiai. Dritte (dem Menschen nächste): Archai, Archangeloi, Angeloi. Im Mantram zum Wärmeelement antworten sie chormäßig in Quer-Verbindungen — Angeloi-Exusiai-Throne als ein Chor. GA 270b, Dreizehnte Stunde.Zweite Stunde – Prüfung der Einsamkeit
Der besondere Duktus dieser Stunden: die Prüfung der Einsamkeit auf dem Meditationsweg und die radikale Selbsterkenntnis. Selbsterkenntnis muss ernsthaftes inneres Erlebnis sein; die sind zugleich Kraftworte, die die Seele, nachdem sie sie beflügelt haben, über den Abgrund des Seins tragen.
Mantren
Verdichtete Sprüche, die in den Klassenstunden gesprochen und an die Tafel geschrieben wurden. Sie sind keine Lehrsätze, sondern Meditationssubstanz.mehr
Steiner war es ausdrücklich nicht um das Gedächtnis zu tun: ‹Ich bin es zufrieden, wenn du gar nicht in dein Gedächtnis aufnimmst dasjenige, was ich zu dir spreche.› Die Mantren wirken durch wiederholtes inneres Erleben, nicht durch Lernen. Daher die Bedeutung der Stimmung — ‹Ernstes, Feierliches, Weihevolles›. GA 270a, Vierte Stunde.‹Sieh in dir Gedankenweben …› (vgl. App 3.1–3.3)
Sieh in dir Gedankenweben:
Weltenschein erlebest du,
Selbstheitsein verbirgt sich dir;
Tauche unter in den Schein:
Ätherwesen weht in dir;
Selbstheitsein, es soll verehren
Deines Geistes Führerwesen.
* * *
Vernimm in dir Gefühle-Strömen:
Es mengen Schein und Sein sich dir,
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich;
So tauche unter in scheinendes Sein:
Und Welten-Seelenkräfte sind in dir;
Die Selbstheit, sie soll bedenken
Der eignen Seele Lebensmächte.
* * *
Laß walten in dir den Willens-Stoß:
Der steigt aus allem Scheineswesen
Mit Eigensein erschaffend auf;
Ihm wende zu all dein Leben:
Der ist erfüllt von Welten-Geistesmacht;
Dein Eigensein, es soll ergreifen
Weltschöpfermacht im Geistes-Ich.
Zweite Stunde – Trochäisch · jambisch · spondäisch
Im Metrum liegt Bedeutung: das Denken-Wort ist trochäisch (hoher, fallender zu tiefem Ton; wie von einem Berg herab) – ein Auftauchen des Ätherbewusstseins. Im Fühlen mischen sich Schein und Sein wie im Traum, die Selbstheit taucht schwach auf; jambisch – tiefer, dann voller hoher Ton, ein Aufsteigen. Im Wollen tritt man an die ganze Wirklichkeit: spondäisch, zwei gleich betonte Silben, ein Fortbewegen im gleichen Niveau des Geistes. Steigerung: verehren (Führerwesen) – bedenken (Lebensmächte) – ergreifen (Weltschöpfermacht).
Editionsapparat (geschützt) – nur bibliografischer Nachweis
Die Ausgabe Perseus Verlag Basel 2016 enthält zusätzlich ein Vorwort (Thomas Meyer, 29.6.2016), den Abschnitt ‹Die ausgesparten Textpassagen› sowie ‹Editorische Bemerkungen› mit Einzelnachweisen zu undeutlichen Stenogrammstellen. Diese Teile sind eine geschützte Editionsleistung und werden hier bewusst NICHT im Wortlaut wiedergegeben. Wer sie benötigt, ziehe die Originalausgabe heran: Rudolf Steiner, ‹Der Meditationsweg der Michaelschule – Die Wiederholungsstunden in Breslau, 12. und 13. Juni 1924›, hrsg. Thomas Meyer, Perseus Verlag Basel, 1. Auflage 2016, ISBN 978-3-906174-07-5. Quell-Scan im Projekt: Die_Wiederholungsstunden_in_Breslau_12__und_13__Juni_1924.pdf.