Mantren Dreizehnte Stunde Dornach · 1924-05-17 · GA 270b, S. 71–91

Dreizehnte Stunde

Dornach · · GA 270b, S. 71–91

71

Einleitung

Meine lieben Freunde! Zuerst wird wiederum das aus dem Geistigen des Weltenalls an unsere Seele herandringende Wort gesprochen, das uns mahnt zur selbstbeobachtenden Erkenntnis unseres Wesens – das
Weltenwort Das schöpferische Wort, das aus dem Weltenall an den Menschen herantönt. Eröffnet jede Klassenstunde mit ‹O Mensch, erkenne dich selbst!›
mehr Anders als das Menschenwort, in dem Menschendenken spricht, spricht im Geistes-Weltenwort das Weltendenken. Die Seraphine sprechen es als Feuersprache, ‹flammende Stimme›. GA 270b, Sechzehnte Stunde.
.
71

Das Weltenwort – ‹O Mensch, erkenne dich selbst!›

O Mensch, erkenne dich selbst!
So tönt das Weltenwort.
Du hörst es seelenkräftig,
Du fühlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmächtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tönt es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfühlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfühlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrom.
72

Rückblick – Denkens- und Fühlens-Feld

Das letzte Mal haben wir versucht, durch besondere Vertiefung in das Feld des Denkens hinaufzugelangen zu den Wesen der dritten Hierarchie (
Angeloi, Archangeloi, Archai Die dem Menschen nächsten Geister: Angeloi, Archangeloi, Archai. Sie antworten auf die Frage nach der ‹Erde Festigkeit›.
mehr Sie führen vom bloßen Empfinden zum Bewußtwerden. ‹Angeloi: Empfinde, wie wir in deinem Denken empfinden. Archangeloi: Erlebe, wie wir in deinem Fühlen erleben. Archai: Schaue, wie wir in deinem Wollen schauen.›
) – gemeint war nicht das Alltagsdenken, sondern jenes Denken, das dahinter verläuft und sich nur meditierend heraufschaffen lässt. Dieses Denken kann im Organismus über dem Sprachgebiet (gegen den Hinterkopf) empfunden werden; das Sprechen selbst gibt den Ausgangspunkt, die Erinnerung wird unter der Sprache gefühlt. So setzen wir uns durch das erste
Mantram Verdichtete Sprüche, die in den Klassenstunden gesprochen und an die Tafel geschrieben wurden. Sie sind keine Lehrsätze, sondern Meditationssubstanz.
mehr Steiner war es ausdrücklich nicht um das Gedächtnis zu tun: ‹Ich bin es zufrieden, wenn du gar nicht in dein Gedächtnis aufnimmst dasjenige, was ich zu dir spreche.› Die Mantren wirken durch wiederholtes inneres Erleben, nicht durch Lernen. Daher die Bedeutung der Stimmung — ‹Ernstes, Feierliches, Weihevolles›. GA 270a, Vierte Stunde.
(‹Vernimm des Denkens Feld›) in Verbindung mit der dritten, durch das zweite (‹Vernimm des Fühlens Feld›) mit der zweiten Hierarchie (
Exusiai, Dynamis, Kyriotetes Exusiai, Dynamis, Kyriotetes. Sie antworten auf die Frage nach des ‹Wassers Bildekraft›.
mehr Sie sind tätig in dem, ‹was uns eigentlich unsere innere Gestaltung gibt›. — ‹Exusiai: Erkenne Geistes-Welten-Schaffen im Menschen-Körper-Schaffen. Dynamis: Erfühle Geistes-Welten-Leben im Menschen-Körper-Leben. Kyriotetes: Wolle Geistes-Welt-Geschehen im Menschen-Körper-Sein.›
).
75

Das Feld des Wollens – Gehen als übersinnlicher Vorgang

Heute bleibt das Feld des Wollens zu betrachten – das, was den Menschen am kräftigsten beherrscht und doch am wenigsten mit Aufmerksamkeit durchlebt wird. Man stelle sich vor, gehend, die Arme bewegend: der Mensch glaubt, er gehe mit den physischen Beinen. Das ist
Maja Die Welt der Sinne, sofern sie als das Eigentliche genommen wird. Der Weg der Klasse geht aus dem ‹Reich der Illusion, im Reiche der Maja› hinüber.
mehr GA 270b, Sechzehnte Stunde.
. Innerhalb der physischen Beine ist
Ätherleib Der Lebensleib des Menschen, der über den physischen Leib hinausreicht. In ihm lebt das wirkliche Denken, dessen physischer Abdruck der ‹Schein› unseres gewöhnlichen Denkens ist.
mehr GA 270c, Sechste Wiederholungsstunde.
, Astralleib, Ich-Organisation; wir gehen mit den Kräften der Ich-Organisation, die in den unsichtbaren Schwerkräften der Erde leben. Die physische Organisation ist nur da, damit die Ich-Organisation das Gehen wahrnehmen kann – wie die Strümpfe nicht zum Gehen, sondern zur Wärme da sind. Das Gehen ist ein ganz übersinnlicher Vorgang.
Im Schlaf, ohne die physischen Beine, durcheilen wir das Weltenall im Ich und im Astralleib viel regsamer; was uns dann die Bewegung ermöglicht, sind die
Throne Unterste Stufe der ersten Hierarchie. In den Wolken offenbaren sie ihr ‹Wesen›.
mehr Tafel-Notiz der Dreizehnten Stunde: ‹Wolken — Throne — Wesen›. Sie tragen den ‹Welten-Leib›, in dem das gedankendurchleuchtete Welten-Geisteswort ruht. Im Mantram: ‹Ergreife wissend Innen-Sein in deinem Gottes-Welten-Sein.› GA 270b, Dreizehnte Stunde.
, Wesenheiten der ersten Hierarchie. All das muss ins Gefühl übergehen – dann verspürt man die webende und wellende Geisteswelt, in der man fortwährend drinnen ist.
83

Drittes Mantram – ‹Vernimm des Willens Feld› (Throne / Cherubine / Seraphine)

Vernimm des Willens Feld:
Es spricht, der die Weltenkräfte, die dumpfen
Aus den Erden-Untergründen, den finstren
In deiner Glieder Regsamkeiten lenket:
Blick' auf deiner Triebe Feuer-Wesen.
Es spricht, der die Geistesstrahlen, die hellen
Aus Gottes-Wirkensfeldern, gnadevoll
In deinem Blute kreisen läßt:
Blick' auf des Gewissens Seelen-Führung.
Es spricht, der das Menschensein, das vollbrachte
Durch Tode und Geburten, sinngerecht
Zum Atmen bringt in gegenwärt'ger Zeit:
Blick' auf deines Schicksales Geistes-Prüfung.
79

Die erste Hierarchie – Sitze, Blitze, Hitze; das Gewissen

So setzen wir uns durch das dritte Mantram in Verbindung mit der ersten Hierarchie. Aus den Weltenweiten tönt ‹Vernimm des Willens Feld›;
der Hüter Geistige Wesenheit, die am Übergang von der Sinneswelt in die geistige Welt steht. Sie stellt prüfende Fragen — die Mantren der Klasse sind oft Frage des Hüters und Antwort der Hierarchien.
mehr Der Hüter ist nicht Hindernis, sondern Mahnender. Er macht den Menschen darauf aufmerksam, daß er, will er die Schwelle übertreten, sein Denken, Fühlen und Wollen verwandeln muß. In den Mantren tritt er sprechend auf: ‹Der Hüter spricht …› — und es antworten Angeloi, Exusiai, Throne und so weiter. In späteren Stunden ‹spricht der Hüter aus der Ferne›, weil der Schüler an ihm vorbeigeschritten ist. GA 270b, Dreizehnte Stunde: ‹Der Hüter der Schwelle stellt die prüfend-mahnende Frage an uns. Die Hierarchien antworten.›
weist je dreizeilig ein, dann sprechen die Wesen: Throne (‹Blick' auf deiner Triebe Feuer-Wesen›),
Cherubine Mittlere Stufe der ersten Hierarchie. In den Blitzen zeigen sie nicht sich selbst, sondern ihre ‹Werkzeuge›.
mehr Tafel-Notiz: ‹Blitze — Cherubine — Werkzeuge›. — ‹Erwarme am Innen-Leben in deinem Gottes-Welten-Leben.›
(‹Blick' auf des Gewissens Seelen-Führung› – die Stimme des Gewissens ist von hohem Ursprung, sie lebt in der Welt der Cherubine und webt sich ins Menschenwesen herein),
Seraphine Höchste Stufe der ersten Hierarchie. Sie verbergen sich tief in der Weltenhitze und offenbaren sich nur als ‹Schein›.
mehr Tafel-Notiz: ‹Weltenhitze — Seraphine — Schein›. — ‹Erweck' in dir Innen-Licht in deinem Gottes-Welten-Licht.› Die Seraphine sprechen die Feuersprache des Weltenwortes — ‹flammende Stimme›. GA 270b, Sechzehnte Stunde.
(‹Blick' auf deines Schicksales Geistes-Prüfung› – wie sich das Schicksal von Erdenleben zu Erdenleben hereinerstreckt).
Zur Vorbereitung – weil der Wille das Geheimnisvollste ist – streift man alle Trivialität ab und empfindet das Wort ‹Sitze› (statt Throne): Wolkensitze; darüber ‹Blitze› (die Werkzeuge der Cherubine), darüber ‹Hitze› (Weltenhitze, der Schein der Seraphine). Im dreifachen ‹i› von ‹Sitze, Blitze, Hitze› fühlt man das Aufsteigen von den Wolkensitzen zu den Blitzen und zur Weltenhitze. Das Symbolum: Wolken–Throne–Wesen (die Throne weben in den Wolken selbst); Blitze–Cherubine–Werkzeuge (sie zeigen nur ihre Werkzeuge); Weltenhitze–Seraphine–Schein (sie offenbaren sich nur durch den ausstrahlenden Schein).
87

Die rechte Stimmung des Meditierenden

Es kommt alles darauf an, dass wir uns in der Situation so empfinden, als ob wir gar nicht selber sprechen, denken, fühlen, wollen – dass wir uns ganz vergessen und in dreifacher Weise angetönt erfühlen. Solche mantrischen Verrichtungen müssen in vollem Ernste genommen werden. Der Meditierende fällt zwar immer wieder in den Schlendrian des gewöhnlichen Lebens zurück, das muss er auch; aber er sollte sich – wie bei einem chronischen Schmerz, den man immer empfindet – stets bewusst bleiben, dass er ein Meditierender ist. Vergisst er es einmal und bemerkt es nachher, sollte er sich so schämen, wie wenn er nackt durch eine belebte Strasse gelaufen wäre. Das ist die rechte Stimmung des Meditierenden.
89

Der ernste Hüter und das Christus-Gegenwort

Erkennen ist eine ernste Sache; die Welt der grossen Illusion, der Maja, liefert das Erkennen nicht. Wir müssen erst an die
Schwelle Der Übergang zwischen Sinneswelt und geistiger Welt. Vor ihr liegt der ‹Abgrund› — die Stütze des physischen Bewußtseins hört auf.
mehr Bevor der Mensch in das Reich der Erkenntnis eintritt, kommt er an einen Abgrund, der sich zunächst als Bodenloses darstellt. Man kann ihn nur übersetzen, wenn einem ‹symbolisch gesprochen Flügel wachsen› — wenn man sich vom Physischen befreit. GA 270b: ‹Dabei bemerkt der Mensch, daß er, bevor er in das Reich der Erkenntnis eintritt, an einen Abgrund kommt …›
kommen, wo der Hüter steht und wo die Truggestalten verschwinden. Aus denselben Weltentiefen, aus denen das Weltenwort kam, klingt es ferner zu uns: das Wort vom ernsten Hüter, der den Einlass der Sinnenkraft und der Verstandesmacht verwehrt. Darauf kann andächtig das Gegenwort aus den Tiefen der Seele sprechen – das Christus-Wort ‹Ich trat in diese Sinnes-Welt … und erkenne mich im Weltenwerden›.
89

Das Hüter-Wort – ‹Erkenne erst den ernsten Hüter›

Erkenne erst den ernsten Hüter,
Der vor des Geisterlandes Pforten steht,
Den Einlaß deiner Sinnenkraft
Und deines Verstandes Macht verwehrend,
Weil du im Sinnesweben
Und im Gedankenbilden
Aus Raumeswesenlosigkeit,
Aus Zeiten Truggewalten
Des eignen Wesens Wahrheit
Dir kraftvoll erst erobern mußt.
90

Das Christus-Gegenwort – ‹Ich trat in diese Sinnes-Welt›

Ich trat in diese Sinnes-Welt,
Des Denkens Erbe mit mir führend,
Eines Gottes Kraft hat mich hereingeführt.
Der Tod, er steht an des Weges Ende.
Ich will des Christus Wesen fühlen.
Es weckt in Stoffes-Sterben Geist-Geburt.
Im Geiste find' ich so die Welt
Und erkenne mich im Weltenwerden.
88

Schlusswiederholung – Das Weltenwort

O Mensch, erkenne dich selbst!
So tönt das Weltenwort.
Du hörst es seelenkräftig,
Du fühlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmächtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tönt es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfühlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfühlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrom.
91

Wandtafelzeichnung zur Dreizehnten Stunde

Das Symbolum der ersten Hierarchie: Wolken (Throne), Blitze (Cherubine), Weltenhitze (Seraphine), darunter der Schwerkraftbogen des Gehens. Unmittelbare Lese- und Meditationshilfe zum Willens-Mantram dieser Stunde.
Wandtafel Rudolf Steiners vom 17. Mai 1924: oben gelbe Weltenhitze, darunter blaue Wolken, von roten Blitzen durchzuckt; rechts die Worte ‹Hitze / Blitze / Sitze›; links ein heller Schwerkraftbogen mit aufsteigenden Pfeilen; in der Mitte die Tafel-Schrift ‹Wolken – Throne – Wesen / Blitze – Cherubine – Werkzeuge / Weltenhitze – Seraphine – Schein›; unten das Datum ‹17. V. 24›.
GA 270i, Wandtafelzeichnungen, Tafel zur Dreizehnten Stunde (17.5.1924)

Lädt …