Mantren Siebente Stunde Dornach · 1924-04-11 · GA 270a, S. 169–189

Siebente Stunde

Dornach · · GA 270a, S. 169–189

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Einleitung – Prinzipien der Schule

Meine lieben Freunde! Es sind nun eine ganze Anzahl neuer Mitglieder dieser Schule heute hier eingetroffen, und deshalb obliegt es mir, noch einmal einiges über die Prinzipien dieser Schule zu sagen.
Diese Schule bildet den esoterischen Einschlag derjenigen anthroposophischen Bewegung, die mit der Weihnachtstagung am Goetheanum ihre Erneuerung gefunden hat. Früher war die Anthroposophische Gesellschaft eine Art Verwaltungsgesellschaft für anthroposophischen Inhalt; seit Weihnachten handelt es sich darum, dass Anthroposophie nicht nur gepflegt, sondern getan wird. Wer dieser Schule als Mitglied beitritt, erklärt damit, dass er ein wirklicher Repräsentant der anthroposophischen Bewegung sein will. Es muss ein gegenseitiges Verhältnis sein: der Vorstand am Goetheanum kann auch Mitgliedern, die ihm nicht als Repräsentanten erscheinen, die Mitgliedschaft streichen.
Zu den ersten Pflichten eines esoterischen Schülers gehört es, dass er sich nicht bloß verpflichtet fühlt, dasjenige zu sagen, wovon er glaubt, dass es wahr ist, sondern dass er prüft, ob dasjenige, was er sagt, wirklich objektive Wahrheit ist. Denn nicht-wahre Aussagen, auch aus gutem Willen, wirken innerhalb einer okkulten Bewegung zerstörend. Diese Schule soll als nicht von Menschen begründet angesehen werden, sondern als aus dem Willen der die Welt regierenden geistigen
Mächte ‹Mächte› — mittlere Stufe der zweiten Hierarchie. Sprechen an das Fühlen.
mehr ‹Erfühle Geistes-Welten-Leben im Menschen-Körper-Leben.›
eingesetzt.
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Der Ernst der Lage – die Gegner der Bewegung

Man darf nicht vergessen – und dies bleibt im Umkreise der Schule –, dass jetzt von maßgebenden Persönlichkeiten gesagt wird: diejenigen, welche das Prinzip der römischen Kirche vertreten, würden alles daransetzen, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wieder aufzurichten, um die gefährlichsten Bewegungen der Gegenwart auszurotten – und das seien die anthroposophische Bewegung und die Bewegung zur religiösen Erneuerung. Daran sieht man, dass Anthroposophie von den Gegnern gewichtiger genommen wird als von vielen innerhalb der Mitgliedschaft. Es kommt bei einer im Geiste gründenden Bewegung nicht auf die Zahl der Mitglieder an, sondern auf die Kraft, die ihr aus der geistigen Welt innewohnt; das sehen die Gegner und wählen darum scharfe Mittel. Nur aus vollem, aktivem Ernst heraus können wir den Fels errichten, den wir für die Schwierigkeiten der Zukunft brauchen.
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Bewusst außerhalb des physischen Leibes

Nicht eher kann man davon sprechen, dass die Begegnung mit dem
Hüter der Schwelle Geistige Wesenheit, die am Übergang von der Sinneswelt in die geistige Welt steht. Sie stellt prüfende Fragen — die Mantren der Klasse sind oft Frage des Hüters und Antwort der Hierarchien.
mehr Der Hüter ist nicht Hindernis, sondern Mahnender. Er macht den Menschen darauf aufmerksam, daß er, will er die Schwelle übertreten, sein Denken, Fühlen und Wollen verwandeln muß. In den Mantren tritt er sprechend auf: ‹Der Hüter spricht …› — und es antworten Angeloi, Exusiai, Throne und so weiter. In späteren Stunden ‹spricht der Hüter aus der Ferne›, weil der Schüler an ihm vorbeigeschritten ist. GA 270b, Dreizehnte Stunde: ‹Der Hüter der Schwelle stellt die prüfend-mahnende Frage an uns. Die Hierarchien antworten.›
wirksam erfolgt sei, bis man nicht die Erfahrung gemacht hat, was es heißt, mit seiner menschlichen Wesenheit in Ich und astralischem Leib außer dem physischen Leibe zu sein. Im physischen Leibe eingeschlossen, nimmt der Mensch nur die
Sinneswelt Die Welt der Sinne, sofern sie als das Eigentliche genommen wird. Der Weg der Klasse geht aus dem ‹Reich der Illusion, im Reiche der Maja› hinüber.
mehr GA 270b, Sechzehnte Stunde.
wahr, die ein Abglanz einer geistigen Welt ist, ohne zu enthüllen, wovon sie ein Abglanz ist.
Aus dem Leibe herauszugehen ist nicht schwierig – der Mensch tut es jedesmal beim Einschlafen; aber dann ist sein Bewusstsein bis zur Unbewusstheit hinuntergedämpft. Bei der Erringung höherer Erkenntnisse handelt es sich darum, dass dieses Herausgehen mit voller, bewusster Besonnenheit vollzogen wird, so dass der Mensch außerhalb des physischen Leibes die geistige Welt so wahrnimmt, wie er innerhalb seiner mit den Sinnen die physische wahrnimmt. Ist der Mensch genügend vorbereitet, so nimmt der Hüter der
Schwelle Der Übergang zwischen Sinneswelt und geistiger Welt. Vor ihr liegt der ‹Abgrund› — die Stütze des physischen Bewußtseins hört auf.
mehr Bevor der Mensch in das Reich der Erkenntnis eintritt, kommt er an einen Abgrund, der sich zunächst als Bodenloses darstellt. Man kann ihn nur übersetzen, wenn einem ‹symbolisch gesprochen Flügel wachsen› — wenn man sich vom Physischen befreit. GA 270b: ‹Dabei bemerkt der Mensch, daß er, bevor er in das Reich der Erkenntnis eintritt, an einen Abgrund kommt …›
die wahre Wesenheit des Menschen heraus; sie kann den
Abgrund Der Spalt zwischen Sinneswelt und Geisteswelt, an dem der Hüter steht. Über ihn kann nur das geistig-seelische Wesen schreiten.
mehr Mantram ‹Wo auf Erdengründen …›: ‹Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder, / Hinter ihm, da gähnen Abgrundtiefen.›
überflügeln mit den Mitteln der letzten mantrischen Sprüche. Dann kann der Mensch von jenseits der Schwelle sein eigenes physisches Wesen betrachten.
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Der Mensch schaut sich als Dreiheit

Das ist der erste große Eindruck wirklicher Erkenntnis: wenn der Hüter sagen kann: Siehe, da drüben bist du, wie du äußerlich in der physischen Welt erscheinst; bei mir bist du, wie du deinem inneren Wesen nach bist. Und dann erklingt über den Abgrund hin ein bedeutsames Wort, das dem Menschen vergegenwärtigt, wie anders er sich schaut – als eine Dreiheit, die sich seelisch in Denken, Fühlen und Wollen ausdrückt: drei Menschen, die nur durch den physischen Leib für die physische Welt in eins zusammengezogen sind. So ertönt es von den Lippen des Hüters:
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Mantram – ‹O schau die Drei›

O schau die Drei
Sie sind die Eins
Wenn du die Menschenprägung
Im Erdendasein trägst.
Erlebe des Kopfes Weltgestalt
Empfinde des Herzens Weltenschlag
Erdenke der Glieder Weltenkraft
Sie sind die Drei
Die Drei, die als das Eins
Im Erdendasein leben.
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Kopf/Herz/Glieder – die drei Zeichen

Der Hüter deutet hin, wie die Drei – die sich sofort trennen, wenn der Mensch den physischen Leib verlässt – im Verhältnis zu diesem Leibe aussehen. Das menschliche Haupt ist ein Abbild des himmlischen Weltenalls: bei ‹Erlebe des Kopfes Weltgestalt› macht man das nach oben gerichtete Zeichen. Durch das Herz geht der Weltenrhythmus, der als Weltenmusik ertönt: bei ‹Empfinde des Herzens Weltenschlag› das nach oben und unten weisende Zeichen. Die Weltenkraft der Glieder ist in der Schwerkraft von unten konzentriert: bei ‹Erdenke der Glieder Weltenkraft› das nach unten gerichtete Zeichen. Danach mache man die Sinne stumpf, schließe die Augen, habe eine Weile dunkel um sich, damit man ganz in der Atmosphäre der Worte lebt – so versetzt man sich in jene Sphäre, die bei der Einweihung real erlebt werden kann.
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Die Umkehrung jenseits der Schwelle

In der Sinneswelt sitzt das Denken im Haupte, mit einem leisen Wollen beigemischt, das einen Gedanken in den anderen überführt. Sobald man über die Schwelle kommt, wird es umgekehrt: wenig Denken an das Haupt gebunden und viel ausgebreitetes Wollen. In diesem Wollen, das sonst schlafend ist, verspürt man den Geist, wie er aus dem Kosmos das menschliche Haupt als sein kugeliges Abbild gestaltet. Daher ruft der Hüter jenseits der Schwelle die Worte zu:
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Mantram – ‹Des Kopfes Geist, du kannst ihn wollen›

Des Kopfes Geist,
Du kannst ihn wollen;
Und Wollen wird dir
Der Sinne vielgestaltig Himmelsweben;
Du webest in der Weisheit.
Des Herzens Seele,
Du kannst sie fühlen;
Und Fühlen wird dir
Des Denkens keimerweckend Weltenleben;
Du lebest in dem Scheine.
Der Glieder Kraft,
Du kannst sie denken;
Und Denken wird dir
Des Wollens zielerfassend Menschenstreben;
Du strebest in der Tugend.
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Weisheit – Schein – Tugend; Himmelsweben/Weltenleben/Menschenstreben

Man sieht nun, dass alles, was die Augen als Farben, die Ohren als Töne, der Mensch als Wärme und Kälte wahrnimmt, in der geistigen Welt ein Wollen ist. Erkennt man, wie das Herz die Seele birgt, so betrachtet man das Denken nicht als Eigenschaft des Kopfes, sondern des Herzens – dann gehört das Denken nicht dem einzelnen Menschen, sondern der Welt. Und als drittes: was sonst im Kopfe konzentriert gemeint ist, das Denken, wird hier mit den Gliedmaßen in Zusammenhang gebracht, das Wollen wird zum Denken.
So hat man die völlige Umkehrung in der geistigen Welt: Wollen oben im Haupte (webende Weltenweisheit – ‹Du webest in der Weisheit›), Fühlen in der Mitte (Weltenschein, in dem alle Geistwesen erstrahlen – ‹Du lebest in dem Scheine›), Denken unten an den Gliedmaßen (Menschenstreben, das als Tugend lebt – ‹Du strebest in der Tugend›). Himmelsweben – Weltenleben – Menschenstreben.
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Das Tor-Wort – ‹Tritt ein›

Tritt ein
Das Tor ist geöffnet
Du wirst
Ein wahrer Mensch werden.
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Der dreifach dreifache Ernst

Das sind die Mahnungen, die der Hüter ertönen lässt, indem er uns zugleich sagt: ‹Tritt ein / Das Tor ist geöffnet / Du wirst / Ein wahrer Mensch werden.› Das sind die Worte, die seit ungezählten Jahrtausenden an allen Pforten in die geistige Welt mahnend und aufmunternd erklangen. Sagt man sich das erste Mal: ich will bekennen, dass ich noch nicht ein Mensch war und es durch die Einsicht in die geistige Welt werde – ernst ist diese erste Mahnung; ernster die zweite; des Ernstes höchste Prägung trägt die dritte. Diesen dreifach dreifachen Ernst in den Tiefen der Seele aufzubringen, gibt eine Ahnung, was es heißt, durch Erkenntnis ein Mensch zu werden. Es war eine Pause in diesem Ringen seit dem Heraufkommen der fünften nachatlantischen Kulturepoche; die Pause ist nach dem Willen der die Menschheit leitenden geistigen Wesenheiten zu Ende.
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Schlusswiederholung – ‹O schau die Drei›

O schau die Drei
Sie sind die Eins
Wenn du die Menschenprägung
Im Erdendasein trägst.
Erlebe des Kopfes Weltgestalt
Empfinde des Herzens Weltenschlag
Erdenke der Glieder Weltenkraft
Sie sind die Drei
Die Drei, die als das Eins
Im Erdendasein leben.
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Wandtafelzeichnung zur Siebenten Stunde

Die Schwellen-Schwingung zwischen Sinnen- und Geistesseite mit dem an der Pforte aller Mysterien erklingenden Tor-Wort. Unmittelbare Lese- und Meditationshilfe zu den
Mantren Verdichtete Sprüche, die in den Klassenstunden gesprochen und an die Tafel geschrieben wurden. Sie sind keine Lehrsätze, sondern Meditationssubstanz.
mehr Steiner war es ausdrücklich nicht um das Gedächtnis zu tun: ‹Ich bin es zufrieden, wenn du gar nicht in dein Gedächtnis aufnimmst dasjenige, was ich zu dir spreche.› Die Mantren wirken durch wiederholtes inneres Erleben, nicht durch Lernen. Daher die Bedeutung der Stimmung — ‹Ernstes, Feierliches, Weihevolles›. GA 270a, Vierte Stunde.
dieser Stunde.
Wandtafel Rudolf Steiners vom 11. April 1924: oben eine rote, geschwungene Linie, die einen Bogen über einen Abgrund bildet; links die Beschriftung ‹Sinne›, rechts ‹Geist›, in der Mitte eine gelbe Figur an der Schwelle; darunter das Tor-Wort ‹Tritt ein / Das Tor ist geöffnet / Du wirst / Ein wahrer Mensch werden›; unten das Datum ‹11. April 24›.
GA 270i, Wandtafelzeichnungen, Tafel zur Siebenten Stunde (11.4.1924)

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