Achte Stunde
Einleitung – Bewegung und Gesellschaft seit der Weihnachtstagung
Meine lieben Freunde! Da heute eine größere Anzahl von Freunden in der Klasse erscheint, die vorher nicht anwesend waren, obliegt es mir, mit einleitenden Worten über die Einrichtung der Schule zu sprechen. Bis zur Weihnachtstagung musste streng auseinandergehalten werden: anthroposophische Bewegung und Anthroposophische Gesellschaft. Die anthroposophische Bewegung stellt das Einfließen der geistigen Weistümer in die Menschheitszivilisation dar – sie ist da, weil es den die Welt lenkenden geistigen Mächten als das richtige erscheint. Die Anthroposophische Gesellschaft war als Verwaltungsgesellschaft begründet.
Seit der Weihnachtstagung ist das Gegenteil der Fall: alles, was durch die Anthroposophische Gesellschaft geschieht, muss selber Anthroposophie sein. Jedes einzelne Tun muss esoterischen Charakter haben. Anthroposophische Bewegung und Anthroposophische Gesellschaft sind nunmehr identisch geworden. Der Dornacher Vorstand ist ein Initiativ-Vorstand; die Gesellschaft ist auf das menschliche Verhältnis begründet, nicht auf Bürokratismus.
Die Freie Hochschule als Mysterienschule
Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft wird man aus dem inneren Herzensdrang, das anthroposophische Weisheitsgut kennenzulernen. Aus dieser allgemeinen Mitgliedschaft kann nach einer gewissen Zeit (vorläufig mindestens zwei Jahre) um die Mitgliedschaft der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft angesucht werden. Bei dieser Hochschule übernimmt man ernste Verpflichtungen: man will ein echter Repräsentant der anthroposophischen Sache vor der Welt sein. Freiheit bedingt, dass alle Beteiligten frei sind – auch die Leitung der Schule muss frei sein, erklären zu können, mit wem sie zusammenarbeiten will; sie kann die Mitgliedschaft auch erlöschen lassen.
Diese Schule muss aufgefasst werden nicht als Einsetzung durch menschlichen Impuls, sondern von seiten der geistigen Welt – ein Ratschluss der geistigen Welt ist eingeholt worden. Sie muss sich zu einer wirklichen Mysterienschule unserer Zeit entwickeln und wird dadurch die Seele der anthroposophischen Bewegung sein. In der Zukunft muss aller Firlefanz aufhören, der davor zurückzuckt, sich frank und frei zu bekennen: da als Repräsentant der vom Goetheanum ausgehenden Anthroposophie.
Ich bin
‹Ich bin, der ich bin› — der Gottesname aus 2. Mose 3,14, den Steiner als ‹uralt heiliges Wort› nimmt.mehr
Im Erdenbereich, sagt Steiner, ist das ‹Ich bin› nur Illusion, ein Abglanz. Wahr klingt es erst im Reich der Seraphine, Cherubine, Throne. Das dreifache ‹Es ist Ich› am Schluß des Mantrams der Sechzehnten Stunde ist das Echo dieses Wortes im Menschenherzen. GA 270b, Sechzehnte Stunde: ‹das uralt heilige ‹ejeh asher ejeh› – ‹Ich bin Ich›, ‹Ich bin› – ein heiliges Wort, das aus jener jenseitigen Wirklichkeit herübertönt.›Das Weltenwort aus dem Kosmos
Nun möchte ich – ohne dass Sie etwas notieren, dass Sie zunächst nur anhören – jene mantrische Formel aussprechen, welche hinweist auf dasjenige, was durch alle Zeiten, ausgehend von den Mysterien und für die Mysterien ausgehend von der in den Sternen geschriebenen Schrift, in das Menschenherz hereintönt als die große Aufforderung, nach wirklicher zu streben. Diese Aufforderung ‹O Mensch, erkenne dich selbst!› ertönt aus dem ganzen Kosmos heraus. Aus den Ruhesternen des Tierkreises tönt der Gehalt des Weltenwortes; aus den Bewegungen der Wandelsterne der Weltenherzensgehalt; durch die Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft) wird der Willensimpuls in diese Worte eingegossen. So lassen wir das zum Menschen ertönende auf unsere Seele wirken:
Selbsterkenntnis
Der Ausgangspunkt der Klasse, gefaßt im Wort ‹O Mensch, erkenne dich selbst!› — kein Brüten ins Innere, sondern ‹ausführliches Gespräch mit Welt, Hüter und Hierarchien›.mehr
GA 270b, Zwölfte Stunde.Weltenwort
Das schöpferische Wort, das aus dem Weltenall an den Menschen herantönt. Eröffnet jede Klassenstunde mit ‹O Mensch, erkenne dich selbst!›mehr
Anders als das Menschenwort, in dem Menschendenken spricht, spricht im Geistes-Weltenwort das Weltendenken. Die Seraphine sprechen es als Feuersprache, ‹flammende Stimme›. GA 270b, Sechzehnte Stunde.Das Weltenwort – ‹O Mensch, erkenne dich selbst!›
O Mensch, erkenne dich selbst!
So tönt das Weltenwort.
Du hörst es seelenkräftig,
Du fühlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmächtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tönt es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfühlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfühlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrom.
Kein Erkennen ohne die geistige Welt
Es gibt kein Erkennen, das nicht an die geistige Welt herandringt. Der Mensch, wenn er in der Welt herumschaut – Farb' an Farbe, Glanz an Glanz, die strahlenden Sterne, die wärmende Sonne, das aus der Erde Sprossende –, findet darin Erhabenes, Großes, Schönes, Weisheitsvolles, und er täte unrecht, daran vorbeizugehen. Aber gerade dann, wenn er einen rechten Sinn für dieses Erhabene hat, wird er aufmerksam: in diesem hellen Reich der Erde ist der innerste Urquell des eigenen Seins nicht vorhanden. Das volle Erfühlen davon bringt ihn an die zur geistigen Welt, wo steht und ihn nicht unvorbereitet herantreten lässt. Streckt der Hüter die weisende Hand aus, so liegt jenseits der Schwelle zunächst die äußerste Finsternis; das Licht muss aus ihr herausstrahlen.
Schwelle
Der Übergang zwischen Sinneswelt und geistiger Welt. Vor ihr liegt der ‹Abgrund› — die Stütze des physischen Bewußtseins hört auf.mehr
Bevor der Mensch in das Reich der Erkenntnis eintritt, kommt er an einen Abgrund, der sich zunächst als Bodenloses darstellt. Man kann ihn nur übersetzen, wenn einem ‹symbolisch gesprochen Flügel wachsen› — wenn man sich vom Physischen befreit. GA 270b: ‹Dabei bemerkt der Mensch, daß er, bevor er in das Reich der Erkenntnis eintritt, an einen Abgrund kommt …›der Hüter
Geistige Wesenheit, die am Übergang von der Sinneswelt in die geistige Welt steht. Sie stellt prüfende Fragen — die Mantren der Klasse sind oft Frage des Hüters und Antwort der Hierarchien.mehr
Der Hüter ist nicht Hindernis, sondern Mahnender. Er macht den Menschen darauf aufmerksam, daß er, will er die Schwelle übertreten, sein Denken, Fühlen und Wollen verwandeln muß. In den Mantren tritt er sprechend auf: ‹Der Hüter spricht …› — und es antworten Angeloi, Exusiai, Throne und so weiter. In späteren Stunden ‹spricht der Hüter aus der Ferne›, weil der Schüler an ihm vorbeigeschritten ist. GA 270b, Dreizehnte Stunde: ‹Der Hüter der Schwelle stellt die prüfend-mahnende Frage an uns. Die Hierarchien antworten.›Die Scheidung der Drei – Welt wird Selbst
Das Licht strahlt nur heraus, wenn wir gewahr werden, wie Denken, Fühlen und Wollen hier im Erdendasein durch den physischen Leib zusammengehalten werden. Der Mensch muss empfinden lernen, dass die Drei sich voneinander scheiden: das Denken wird frei, das Fühlen wird für sich, das Wollen wird für sich, denn der Mensch lernt wahrnehmen ohne seinen physischen Leib.
Dann tritt das umgekehrte Bewusstsein ein: was Welt war, wird Selbst, und was Selbst war, wird Welt. Wir sprechen zur Sonne wie hier zu unserem Herzen, zum Mond als zum Schöpfer unserer Gestalt; wir schauen auf den Menschen als auf unsere Außenwelt. Das Denken ist eins mit den Ruhesternen, das Fühlen webt im Lauf der Wandelsterne; zwischen Denken und Fühlen liegt die Sonne in uns, zwischen Fühlen und Wollen der Mond.
Das tote Denken und die Geisteszelle
Dieses Denken, das der Mensch hier auf der Erde übt, ist ein Leichnam – es lebt nicht. Gelebt haben diese Gedanken im vorirdischen Dasein, als wir als geistig-seelische Wesen oben lebten; unser physischer Leib ist das Grab, in dem die sterbende Gedankenwelt begraben wird. Schaut man hin auf den Menschen, schaut man zunächst auf sein totes Denken; aber hinter diesem, in der Geisteszelle des Hauptes, ist das lebendige Denken, das die Kraft mitgebracht hat, das Gehirn erst zu bilden. Das Gehirn ist nicht der Erzeuger des Denkens, sondern das Produkt des vorgeburtlichen lebendigen Denkens. Dieses lebendige Denken ist wie ein Wollen – und als solches schöpferisch für unser Denkorgan: Weltendenken. Verfließt das sinnliche Denken ins Weltennichts, ersteht wie ein Wollen das ewige Denken.
Erstes Mantram (Denken) – ‹Sieh hinter des Denkens Sinneslicht›
Sieh hinter des Denkens Sinneslicht,
Wie in der finstren Geisteszelle
Wollen sich hebt aus Leibestiefen;
Lasse fließen durch deiner Seele Stärke
Totes Denken in das Weltennichts;
Und das Wollen, es erstehet
Als Weltgedankenschaffen.
Das Fühlen als wachendes Träumen
Wie wir hinter das Denken auf das Weltgedankenschaffen blicken, so nehmen wir in dem Fühlen – dessen Repräsentant das Herz ist – etwas wahr, das vom ganzen Kosmos im Menschen ein- und ausgeht: Weltenleben, das im Menschen Menschenseelenleben wird. Das Fühlen ist nur ein wachendes Träumen; die Gefühle werden so bewusst wie die Bilder des Träumens. Verweht das Träumen des Fühlens ganz in Schlaf durch die Herzensruhe, dann webt Weltenleben in den Menschen herein als Menschenwesensmacht.
Zweites Mantram (Fühlen) – ‹Sieh in des Fühlens Seelenwehen›
Sieh in des Fühlens Seelenwehen,
Wie in dem Träumedämmern
Leben aus Weltenfernen strömt;
Laß in Schlaf durch die Herzensruhe
Menschenfühlen still verwehen;
Und das Weltenleben geistert
Als Menschenwesensmacht.
Das Willenszauberwesen – wahre Magie
Auf die Glieder, in denen sich das Wollen äußert, müssen wir nicht ‹Sieh hinter› oder ‹Sieh in›, sondern ‹Sieh über› sagen: vom Haupte strömt das Denken herunter in das Wollen. Sehen wir in jeder Arm- und Beinbewegung den Strom des Wollens, so werden wir gewahr, wie in diesem Wollen ein geheimes Denken lebt – unser Wesen aus früheren Erdenleben, das durch die Glieder das irdische Dasein ergreift. Dieses Denken strömt als Licht durch Arme und Hände, durch Beine und Zehen; das Wollen verwandelt sich, und das Denken erscheint als Willenszauberwesen. Es wirkt magisch das unsichtbare Denken im Willen der Glieder – das ist wahre Magie.
Drittes Mantram (Wollen) – ‹Sieh über des Wollens Leibeswirken›
Sieh über des Wollens Leibeswirken,
Wie in schlafende Wirkensfelder
Denken sich senkt aus Haupteskräften;
Laß durch die Seelenschau zu Licht
Menschenwollen sich verwandlen;
Und das Denken, es erscheinet
Als Willenszauberwesen.
Schlusswiederholung – die drei Mantren
Sieh hinter des Denkens Sinneslicht,
Wie in der finstren Geisteszelle
Wollen sich hebt aus Leibestiefen;
Lasse fließen durch deiner Seele Stärke
Totes Denken in das Weltennichts;
Und das Wollen, es erstehet
Als Weltgedankenschaffen.
* * *
Sieh in des Fühlens Seelenwehen,
Wie in dem Träumedämmern
Leben aus Weltenfernen strömt;
Laß in Schlaf durch die Herzensruhe
Menschenfühlen still verwehen;
Und das Weltenleben geistert
Als Menschenwesensmacht.
* * *
Sieh über des Wollens Leibeswirken,
Wie in schlafende Wirkensfelder
Denken sich senkt aus Haupteskräften;
Laß durch die Seelenschau zu Licht
Menschenwollen sich verwandlen;
Und das Denken, es erscheinet
Als Willenszauberwesen.
Wandtafelzeichnung zur Achten Stunde
Die bildliche Darstellung der Scheidung von Denken (strahlendes Haupt), Fühlen (Oval) und Wollen, wie sie ohne den physischen Leib auseinandertreten. Unmittelbare Lese- und Meditationshilfe zu den drei dieser Stunde.
Mantren
Verdichtete Sprüche, die in den Klassenstunden gesprochen und an die Tafel geschrieben wurden. Sie sind keine Lehrsätze, sondern Meditationssubstanz.mehr
Steiner war es ausdrücklich nicht um das Gedächtnis zu tun: ‹Ich bin es zufrieden, wenn du gar nicht in dein Gedächtnis aufnimmst dasjenige, was ich zu dir spreche.› Die Mantren wirken durch wiederholtes inneres Erleben, nicht durch Lernen. Daher die Bedeutung der Stimmung — ‹Ernstes, Feierliches, Weihevolles›. GA 270a, Vierte Stunde.