Mantren 1.1 Geschichte der Verwandlung Erdengründe

Für den Anfang – der Hüter spricht:

Wo auf Erdengründen, Farb' an Farbe,Sich das Leben schaffend offenbart;Wo aus Erdenstoffen, Form an Form,Sich das Lebenslose ausgestaltet;Wo erfühlende Wesen, willenskräftig,Sich am eignen Dasein freudig wärmen;Wo du selbst, o Mensch, das LeibesseinDir aus Erd' und Luft und Licht erwirbst:Da betrittst du deines EigenwesensTiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis;Du erfragest im Dunkel der WeitenNimmer, wer du bist und warst und werdest.Für dein Eigensein finstert der TagSich zur Seelennacht, zum Geistesdunkel;Und du wendest seelensorgend dichAn das Licht, das aus Finsternissen kraftet.

Hinweis zu 1.1

Erdengründe

Die Sinneswelt ist schön, groß und göttlich-offenbar, gibt aber auf die Frage ‹Erkenne dich selbst› keine Antwort. Der Tag ‹finstert sich zur Seelennacht›, und der Mensch wendet sich seelensorgend dem ‹Licht, das aus Finsternissen kraftet› zu.

Mit diesem Mantram beginnt die Schule – als erste ‹eherne Tafel› und erste Stimmung. Mineral, Pflanze, Tier und der eigene Leib sind göttlich-geistige Offenbarung; doch gerade das eigene Wesen ist aus dieser äußeren Natur nicht gewoben. Die Frage ‹Warum bleibt finster und stumm um uns jenes Wesenhafte, aus dem wir selber sind?› soll nicht als Entbehrung, sondern als Gnade erlebt werden: der Mensch muss sich erst ‹zum seelendurchwärmten, geisterstarkten Menschen machen›, um als Geist im Menschen den Geist in der Welt zu finden. Es ist die Grundstimmung, mit der man – unvorbereitet und daher gefährdet – an die Grenze zwischen Sinnes- und Geisteswelt tritt.

  • Funktion: erste der vier Stimmungen der Ersten Stunde; bewusst nicht angeschrieben, sondern ‹vor Herzen und Seelen› gebracht – Identifikation, nicht Lektüre.
  • Erste Strophe (‹Wo …›): Lob der Sinnenwelt – Leben in Farbe (Pflanze), Form im Leblosen (Mineral), willenskräftige fühlende Wesen (Tier), der menschliche Leib aus Erd', Luft und Licht.
  • Zweite Strophe (‹Da betrittst du …›): Genau in dieser Schönheit findet der Mensch sein Eigenwesen nicht; es bleibt ‹nachtbedeckte, kalte Finsternis›.
  • Wendepunkt: der Tag wird zur ‹Seelennacht›; die Hinwendung zum ‹Licht, das aus Finsternissen kraftet› leitet die Schwellensituation ein.
  • Steiners Deutung (2. Stunde): das wiederholte Erleben dieser Stimmung ‹kraftet› die Impulse herauf, die in die geistige Welt hinauftragen.
  • Praxis: immer wieder vor die Seele zu rücken; bereitet auf den Hüter (1.2) vor – ohne Vorbereitung würde der Geist den Menschen ‹zerschmettern›.

Dasjenige, was gewissermaßen wie eine erste eherne Tafel über unserer Schule stehen soll, das möchte ich zuallererst nunmehr vor Ihre Herzen, vor Ihre Seelen bringen.

GA 270a, S. 23

Das Naturdasein … es gibt uns nimmermehr Auskunft über uns selbst.

GA 270a, S. 25

Wir müssen eben uns erst selber zum Menschen machen, zum seelendurchwärmten, geisterstarkten Menschen machen, damit wir als Geist im Menschen finden den Geist in der Welt.

GA 270a, S. 26

Das tiefe Erleben dessen, daß … diese Welt uns keine Antwort gibt auf die Frage, was wir selber sind … das kraftet herauf aus der Seele diejenigen Impulse, welche uns hinauftragen können in die geistige Welt.

GA 270a, S. 45 (Zweite Stunde)
Varianten und Fassungen

In der Ersten Wiederholungsstunde (GA 270c, 6.9.1924) spricht der Hüter dieses Mantram in einer erweiterten Fassung: ‹Wo auf Erdengründen …› wird unmittelbar fortgesetzt durch die Strophen ‹Und aus Finsternissen hellet sich … Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor›, die in der App-Stunde 1 als eigenes Mantram (1.2) geführt sind. In GA 270c bilden beide eine zusammenhängende Rede des Hüters. Dieses Mantram wurde auch in der Ersten Prager Stunde (GA 270c, 3.4.1924) gegeben – einer der frühen, ausserhalb Dornachs gehaltenen Einzelvorträge, mit ausführlicher Einleitung über Konstitution und Sektionen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Dieses Mantram wurde auch in der Ersten Breslauer Stunde (12. Juni 1924) gegeben – mit der besonders betonten Prüfung der Einsamkeit auf dem Meditationsweg und der Forderung radikaler Selbsterkenntnis (Stenogramm Lilly Kolisko, Perseus 2016).

  • GA 270a, Erste Stunde (15.2.1924) – App-Fassung 1.1 – Eigenständiges Mantram; Fortsetzung separat als 1.2.

    Wo auf Erdengründen, Farb' an Farbe … An das Licht, das aus Finsternissen kraftet.

    GA 270a, S. 24
  • GA 270c, Erste Wiederholungsstunde (6.9.1924) – Erweiterte, zusammenhängende Hüter-Rede (1.1 + 1.2 vereint).

    Wo auf Erdengründen … / Und aus Finsternissen hellet sich … / Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor.

    GA 270c, S. 20; Tafeltext S. 29
  • GA 270c, Erste Prager Stunde (3.4.1924) – Frühe, ausserhalb Dornachs gehaltene Fassung (Prag, vor den Dornacher Stunden). Wortgleich zur App-Fassung; eingebettet in die Einführung über die Freie Hochschule und ihre Sektionen.

    ‹Wo auf Erdengründen, Farb' an Farbe …›

    GA 270c, S. 179–185
  • Breslau, Erste Stunde (12.6.1924) – Frühe, ausserhalb Dornachs gehaltene Fassung (Breslau). Wortlaut wie die App-Fassung. Lilly Kolisko hielt vom Mantram-Wortlaut der Ersten Stunde nur die Anfangszeilen in Langschrift fest.

    ‹Wo auf Erdengründen, Farb' an Farbe …›

    Die Wiederholungsstunden in Breslau (12./13.6.1924), in: Der Meditationsweg der Michaelschule, hrsg. Thomas Meyer, Perseus Verlag Basel 2016
Editorische Hinweise
Erste Stunde · Dornach · 1924-02-15 · GA 270a, S. 24–25 Wiederholung in Stunde 38

In der Ersten Stunde noch nicht an die Tafel geschrieben; Tafelfassung erst in der 1./2. Wiederholungsstunde. Sprechvariante laut Stenogramm: ‹aus den Finsternissen› statt ‹aus Finsternissen›, ‹urgewaltiges› statt ‹urgewaltig›.

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