Mantren 1.3 Geschichte der Verwandlung Daseinswort

An der Schwelle – der Hüter am Abgrund:

Aus den Weiten der Raumeswesen,Die im Lichte das Sein erleben,Aus dem Schritte des Zeitenganges,Der im Schaffen das Wirken findet,Aus den Tiefen des Herzempfindens,Wo im Selbst sich die Welt ergründet:Da ertönet im Seelensprechen,Da erleuchtet aus GeistgedankenDas aus göttlichen HeileskräftenIn den WeltengestaltungsmächtenWellend wirkende Daseinswort:O, du Mensch, erkenne dich selbst.

Hinweis zu 1.3

Daseinswort

Der Hüter weist über den Abgrund in die noch dunkle Geistesregion. Aus Raumeswesen, Zeitengang und Herzempfinden ertönt das ‹Daseinswort›: ‹O, du Mensch, erkenne dich selbst.›

Während der Mensch noch diesseits in den Sinnesfeldern steht, weist der Hüter in die scheinbare, die ‹Maja-Finsternis› hinein, die sich durch Geist-Erkenntnis erst hellen muss. Aus den Weiten der Raumeswesen, aus dem Schritt des Zeitenganges und aus den Tiefen des Herzempfindens ertönt zunächst leise und in ‹Abstraktionen, die uns nur Richtlinien geben sollen›, das aus göttlichen Heileskräften wirkende Daseinswort: ‹O, du Mensch, erkenne dich selbst.› Wer es tief genug empfindet, dem wird der Rückblick auf sich selbst zu einer ersten, noch vorbereitenden Selbsterkenntnis. Die drei Wege – Raum, Zeit, Herz – führen über einen einzigen Abgrund zu einem einzigen göttlich-geistigen Urquell.

  • Dritte der vier Stimmungen; der Hüter spricht nun selbst und weist hinüber.
  • Die jenseitige Region erscheint noch als Finsternis – ausdrücklich als ‹Maja-Finsternis›, Schein, der sich erst durch Geist-Erkenntnis hellt.
  • Drei Quellen des Wortes: Raumeswesen (Licht/Sein), Zeitengang (Schaffen/Wirken), Herzempfinden (Selbst/Welt).
  • Charakter zunächst ‹leise› und abstrakt – Orientierung, Richtlinie, noch nicht Erkenntnis selbst.
  • Die drei Abgründe (Raum, Zeit, Herz) sind ein einziger Abgrund; die drei Wege führen zu einem einzigen göttlich-geistigen Urquell.
  • Wirkung (2. Stunde): Zurückblicken wird zur ersten Selbsterkenntnis, Vorstufe der wahren Selbst- und Welterkenntnis.

Und diese drei Abgründe, sie sind nicht drei Abgründe, sie sind ein einziger Abgrund.

GA 270a, S. 30

Da spricht er, hinweisend auf diese scheinbare Finsternis, auf diese Maja-Finsternis …

GA 270a, S. 46 (Zweite Stunde)

Wer das Wort … tief genug empfinden kann, der wird gewahr … wie das Zurückblicken … eine erste Selbsterkenntnis wird.

GA 270a, S. 47 (Zweite Stunde)
Varianten und Fassungen

In der Ersten Wiederholungsstunde (GA 270c) spricht ‹der Hüter am Abgrund› dieses Mantram. Die Vortragsfassung lautet ‹Wollend wirkende Daseinswort›, der zugehörige Tafeltext jedoch ‹Wellend wirkende Daseinswort› – eine überlieferte Wort-Variante. Dieses Mantram wurde auch in der Ersten Prager Stunde (GA 270c, 3.4.1924) gegeben – einer der frühen, ausserhalb Dornachs gehaltenen Einzelvorträge, mit ausführlicher Einleitung über Konstitution und Sektionen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Dieses Mantram wurde auch in der Ersten Breslauer Stunde (12. Juni 1924) gegeben – mit der besonders betonten Prüfung der Einsamkeit auf dem Meditationsweg und der Forderung radikaler Selbsterkenntnis (Stenogramm Lilly Kolisko, Perseus 2016).

  • GA 270c, Erste Wiederholungsstunde – Vortragsfassung – ‹Wollend›.

    … In den Weltgestaltungsmächten / Wollend wirkende Daseinswort: / O, du Mensch, erkenne dich selbst.

    GA 270c, S. 22
  • GA 270c, Erste Wiederholungsstunde – Tafeltext – ‹Wellend› statt ‹Wollend›.

    … In den Weltgestaltungsmächten / Wellend wirkende Daseinswort: / O, du Mensch, erkenne dich selbst.

    GA 270c, S. 29 (Tafeltext)
  • GA 270c, Erste Prager Stunde (3.4.1924) – Frühe, ausserhalb Dornachs gehaltene Fassung (Prag, vor den Dornacher Stunden). Wortgleich zur App-Fassung; eingebettet in die Einführung über die Freie Hochschule und ihre Sektionen.

    ‹Aus den Weiten der Raumeswesen …› (das Daseinswort)

    GA 270c, S. 179–185
  • Breslau, Erste Stunde (12.6.1924) – Frühe, ausserhalb Dornachs gehaltene Fassung (Breslau). Wortlaut wie die App-Fassung. Lilly Kolisko hielt vom Mantram-Wortlaut der Ersten Stunde nur die Anfangszeilen in Langschrift fest.

    ‹Aus den Weiten der Raumeswesen …›

    Die Wiederholungsstunden in Breslau (12./13.6.1924), in: Der Meditationsweg der Michaelschule, hrsg. Thomas Meyer, Perseus Verlag Basel 2016
Editorische Hinweise
  • Die Zeilen ‹Da ertönet im Seelensprechen› und ‹In den Weltengestaltungsmächten› stehen in der Ersten Wiederholungsstunde tafelgetreu als ‹ertönt› und ‹Weltgestaltungsmächten›, in der Ersten, Zweiten und Dritten Stunde stenogrammgemäss als ‹ertönet› und ‹Weltengestaltungsmächten›; die beiden Handschriften im Tafelband haben je eine der beiden Formen.

    GA 270c, Hinweis zu S. 21
Erste Stunde · Dornach · 1924-02-15 · GA 270a, S. 28–29 Wiederholung in Stunde 39 Zur Vortragsstelle →

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