Mantren 1.4 Geschichte der Verwandlung Drei Tiere

Der Hüter spricht ganz am Abgrund des Seins:

Doch du musst den Abgrund achten;Sonst verschlingen seine TiereDich, wenn du an mir vorübereilt'st;Sie hat deine Weltenzeit in dirAls Erkenntnisfeinde hingestellt.

Schau das erste Tier, den Rücken krumm,Knochenhaft das Haupt, von dürrem Leib,Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut;Deine Furcht vor Geistes-Schöpfer-SeinSchuf das Ungetüm in deinem Willen;Dein Erkenntnismut nur überwindet es.

Schau das zweite Tier, es zeigt die ZähneIm verzerrten Angesicht, es lügt im Spotten,Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib;Dein Hass auf Geistes-OffenbarungSchuf den Schwächling dir im Fühlen;Dein Erkenntnisfeuer muss ihn zähmen.

Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul,Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung,Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt;Dein Zweifel an Geistes-Licht-GewaltSchuf dir dies Gespenst in deinem Denken;Dem Erkenntnisschaffen muss es weichen.

Erst wenn die drei von dir besiegt,Werden Flügel deiner Seele wachsen,Um den Abgrund zu übersetzen,Der dich trennet vom Erkenntnisfelde,Dem sich deine HerzenssehnsuchtHeilerstrebend weihen möchte.

Hinweis zu 1.4

Drei Tiere

Der Abgrund muss geachtet werden: drei Tiere – die Unreinheiten des eigenen Wollens, Fühlens und Denkens – steigen auf. Erst wenn sie besiegt sind, wachsen der Seele Flügel, um den Abgrund zum Erkenntnisfeld zu übersetzen.

Vor dem Übersetzen des Abgrunds zeigen sich im ‹furchtbaren, aber wahren Abbilde› drei Tiere als Erkenntnisfeinde. Erstes Tier (knochig, stumpfblau): die Furcht vor dem Geistes-Schöpfer-Sein im Willen – von ahrimanischer Seite eingepflanzt, oft als scheinlogische Gründe getarnt; nur Erkenntnismut überwindet sie. Zweites Tier (gelb-grau, spottend): der Hass bzw. die Spottlust gegen Geistes-Offenbarung im Fühlen – nur das innere Feuer, das ‹Erkenntnisfeuer›, zähmt es. Drittes Tier (schmutzigrot, glasig): der Zweifel an der Geistes-Licht-Gewalt, die Schlaffheit/Bequemlichkeit des Denkens (‹die Welt als Kino›) – es muss dem ‹Erkenntnisschaffen›, dem aktiven Denken weichen. Erst nach dem Sieg über alle drei wachsen der Seele Flügel über den Abgrund zum Erkenntnisfeld, dem sich die Herzenssehnsucht heilerstrebend weihen möchte.

  • Vierte und abschließende Stimmung der Ersten Stunde; bildet mit 1.1–1.3 den vollständigen Schwellengang.
  • 1. Tier – Wille: Furcht vor Geistes-Schöpfer-Sein → Erkenntnismut. Von ahrimanischer Seite eingepflanzt; tarnt sich als scheinlogische Gründe; bloßes ‹ich habe keine Furcht› genügt nicht.
  • 2. Tier – Fühlen: Hass/Spott auf Geistes-Offenbarung → Erkenntnisfeuer; nur durch dünne Wand vom Bewusstsein getrennt, lauert in Kunst, Literatur, Gesellschaft.
  • 3. Tier – Denken: Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt, Schlaffheit/Bequemlichkeit (‹die Welt als Kino›) → Erkenntnisschaffen, aktives Denken.
  • Bild des Hüters: er charakterisiert jedes Tier sinnlich genau und zeigt es als Spiegelbild des im Menschen selbst lauernden Erkenntnisfeindes.
  • Ergebnis: ‹Flügel deiner Seele› – Geistiges/Seelisches/Wirkendes des Seins entheben der Erdenschwere; Übersetzen des Abgrunds zum Erkenntnisfeld.

Das … sind die drei großen Erkenntnisfeinde der Gegenwart, des gegenwärtigen Menschen.

GA 270a, S. 34

In Wahrheit ist es der Geist der Furcht … der, indem er zum Kopfe heraufspukt, sich metamorphosiert als logische Gründe. Furcht ist es.

GA 270a, S. 34

… jenes Denken, das aus der ganzen Welt ein Kino machen möchte … weil man dann nicht zu denken braucht.

GA 270a, S. 35

Im esoterischen Leben wirkt nichts anderes als die Wahrheit.

GA 270a, S. 52 (Zweite Stunde)
Varianten und Fassungen

In der Ersten Wiederholungsstunde (GA 270c, 6.9.1924) spricht der Hüter das Drei-Tiere-Mantram wortgleich zur App-Fassung; es schliesst dort mit der Strophe ‹Erst wenn die drei von dir besiegt, / Werden Flügel deiner Seele wachsen …›. Die deutende Erklärung der drei Tiere ist ein eigener Spruch (App-Mantram 2, Kommentar 2.1). Dieses Mantram wurde auch in der Ersten Prager Stunde (GA 270c, 3.4.1924) gegeben – einer der frühen, ausserhalb Dornachs gehaltenen Einzelvorträge, mit ausführlicher Einleitung über Konstitution und Sektionen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Dieses Mantram wurde auch in der Ersten Breslauer Stunde (12. Juni 1924) gegeben – mit der besonders betonten Prüfung der Einsamkeit auf dem Meditationsweg und der Forderung radikaler Selbsterkenntnis (Stenogramm Lilly Kolisko, Perseus 2016).

  • GA 270a, Erste Stunde – App-Fassung 1.4 – Orthografie ‹musst›.

    Doch du musst den Abgrund achten; Sonst verschlingen seine Tiere …

    GA 270a
  • GA 270c, Erste Wiederholungsstunde – Wortgleich; Quell-Orthografie ‹mußt›.

    Doch du mußt den Abgrund achten … Erst wenn die drei von dir besiegt, / Werden Flügel deiner Seele wachsen …

    GA 270c, S. 24
  • GA 270c, Erste Prager Stunde (3.4.1924) – Frühe, ausserhalb Dornachs gehaltene Fassung (Prag, vor den Dornacher Stunden). Wortgleich zur App-Fassung; eingebettet in die Einführung über die Freie Hochschule und ihre Sektionen.

    ‹Doch du mußt den Abgrund achten …› (die drei Tiere)

    GA 270c, S. 179–185
  • Breslau, Erste Stunde (12.6.1924) – Frühe, ausserhalb Dornachs gehaltene Fassung (Breslau). Wortlaut wie die App-Fassung. Lilly Kolisko hielt vom Mantram-Wortlaut der Ersten Stunde nur die Anfangszeilen in Langschrift fest.

    ‹Doch du mußt den Abgrund achten …›

    Die Wiederholungsstunden in Breslau (12./13.6.1924), in: Der Meditationsweg der Michaelschule, hrsg. Thomas Meyer, Perseus Verlag Basel 2016
Editorische Hinweise
  • Vierte Zeile der dritten Strophe: Tafeltext der Zweiten Wiederholungsstunde und eine Handschrift haben ‹Dein Haß› (analog ‹Deine Furcht› / ‹Dein Zweifel›); gesprochen wurde in der Ersten und Zweiten Stunde ‹Der Haß›. Die Zeile ‹Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt› wurde bei der Schlusswiederholung gesprochen ‹Schmutzigrot erscheint die Gestalt dir›.

    GA 270a, Zu den Mantramtexten der Ersten Stunde, S. 42
  • Die Textvorlage der Ersten Prager Stunde hat in der dritten Strophe ‹Der Haß› statt ‹Dein Haß› und ‹muss es zähmen› statt ‹muss ihn zähmen›.

    GA 270c, Hinweis zu S. 183
Erste Stunde · Dornach · 1924-02-15 · GA 270a, S. 32–34 Wiederholung in Stunde 39–40

Textvarianten: ‹Zu den Mantramtexten der Ersten Stunde›, S. 42 – 4. Zeile der 3. Strophe ‹Dein Haß› (Tafel/Handschrift) vs. gesprochen ‹Der Haß›; bei der Wiederholung S. 40 ‹Schmutzigrot erscheint die Gestalt dir›.

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